Mit dem Faltboot in Island.

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Nebelschwaden wogen um das Bi­wak. Hartnäckiger Nieselregen verwischt die Konturen der Landschaft. Ich blicke sorgenvoll zum Dyngjujökull hinauf, einer Gletscher­zunge des Berges Vatnajökull, der in ei­ner endlosen grauen Suppe schwimmt. Hinter dem milchigen Grauschleier kracht und dröhnt es. Die Geräusche, kein Zweifel, stammen vom kalbenden Gletscher; den aber kann ich nicht se­hen. Enttäuscht krieche ich ins sturmge­beutelte Zelt zurück. Christopher, der Fotograf, hat Tee gekocht. Die Stimmung ist schlecht, denn vor ein paar Tagen dämpfte sich unsere Vorfreude auf die Besteigung des Vatnajökull, der mit 8456 Quadratkilometern der größte Gletscher Europas ist: Die Grimsvötn, ein vulkanischer Herd unter dem Eis und seit 1934 nicht mehr aktiv, sind aus­gebrochen. Die Eruption durchdrang eine 300 Meter dicke Eisschicht. Alle zehn Minuten speien die Grimsvötn Asche 500 Meter hoch in den Himmel. Trotzdem haben wir uns fest vorgenom­men, den Dyngjufökull zu besteigen, das Wasserreservoir und die Quelle des Jö­kulsá á Fjöllum, des „Gletscherflusses auf den Bergen“, den wir in einem leichten Faltboot befahren wollen.

Unsere Zwei-Mann-Expedition beginnt in Reykjavik, der nördlichsten Haupt­stadt der Erde. Mit einem Geländefahr­zeug holpern wir über Schotterstraßen und geborstene Erde ins unbewohnte Innere der Insel, bis ein riesiges Schneefeld unserer Fahrt ein Ende setzt. Nun gilt es, unsere Expedition zu Fuß fortzusetzen, 50 Kilometer mit schwe­rem Gepäck: 40 Kilogramm wiegt das Faltboot, weitere 60 die Ausrüstung samt Lebensmitteln und Kamera-Ausrü­stung.

Wir wandern tagelang durch ein men­schenleeres Gebiet, eine schwarze, von Kratern übersäte Mondlandschaft, die den Namen „Odadahraun“ trägt, was „Lavafeld der Missetäter“ bedeutet. Vie­le Sagen ranken sich um die 4550 Qua­dratkilometer große Trostlosigkeit, diese größte Lavawüste der Erde, in der sich früher Geächtete und Vogelfreie verkro­chen und dahinvegetierten, bis Hunger und Naturgewalten ihrem Leben ein Ende setzten. Die NASA wählte diese Gegend als Übungsgelände für die Apollo-Astronauten aus; denn es gibt wohl kein Gebiet auf der Erde, das der Mondoberfläche so ähnlich ist.

UNTER MEINEM FUSS BRICHT DAS EIS

Am fünften Tag unseres Marsches errei­chen wir den reißenden Flußlauf des Jö­kulsá á Fjöllum am Fuße des Vatnajö­kull. Haushohe Eisblöcke brechen hier von der Gletscherzunge und treiben in die Weite eines grünschimmernden Sees. Als wir über die steilen Eiswülste des Gletschermassivs klettern, packt uns eine merkwürdige Euphorie: Vor der grandiosen Mächtigkeit des Vatnajö­kull, des „Wassergletschers“, kommen wir uns winzig vor, aber zugleich größer und erhabener als je zuvor.

Während Christopher fotografiert, stei­ge ich alleine weiter. Behutsam zwänge ich mich durch eine enge Schlucht und blicke staunend die senkrechten Eiswän­de empor, als unter meinem Fuß der Boden bricht. Das Eis öffnet sich wie ein Reißverschluß: Ich stehe am Rande ei­ner Gletscherspalte, Schmelzwasser rauscht glucksend in die Tiefe.

Unversehrt kehren wir vom Gletscher zurück und machen uns begeistert dar­an, das Skelett unseres Faltbootes aus 40 Teilen, Holzspanten, Leisten und vielen Lederriemen, zusammenzusetzen. Anschließend ziehen wir den PVC- und Stoffmantel über das Gerüst und lassen das Kajak zu Wasser.

Wir paddeln zwischen funkelnden Treibeisschollen und bläulichen Eisklöt­zen; werden von turbulenten Strudeln gepackt und jonglieren das Faltboot durch gefährliche Stromschnellen.

Abends strecken wir uns ermattet auf den Schlafsäcken aus. Endlich schlafen. Schlafen? Unsere Sinne finden nur ganz langsam Ruhe, und die Gedanken krei­sen immer wieder um die Frage nach dem „Warum“. Warum diese Strapazen? Warum das Risiko? Ich vermag darauf keine eindeutige Antwort zu geben, aber eines ist sicher: Flußreisen sind für mich auch eine Reise zu mir selbst.

Tage später passieren wir den 1682 Me­ter hohen Herdubreid, übersetzt: „Breite Schulter“, einen majestätisch schönen Tafelvulkan, der sich fast 1000 Meter hoch aus einer endlosen schwarzen La­vaebene erhebt. Szenerien wie diese, unwirklich und erhaben zugleich, helfen uns über unsere Erschöpfung hinweg. Sie geben uns immer wieder Mut weiter­zumachen, auch wenn Steinriesen den Wasserweg verengen und wir aussteigen müssen, um das Boot mühsam an den Felsen vorbeizumanövrieren, oder über Treppen treideln müssen, wobei uns das brodelnde Eiswasser bis zum Hals steht. Vor dem Dettifoss, einem der mächtig­sten Wasserfälle Europas, der 44 Meter in die Tiefe stürzt, legen sich wirbelnde Schaumflocken wie ein weißer Mantel über die kochenden Fluten. Dort, wo sich die Fallkante in der Gischt der Was­serfälle vage abzeichnet, schillert eine Dunstwolke in allen Regenbogenfarben. Im Zickzackkurs lenken wir das Kajak durch einen Steinfriedhof, Felsen mit messerscharfen Kanten schießen be­drohlich nahe an uns vorbei.

Plötzlich passiert es: Ein mächtiger Brocken türmt sich direkt vor uns auf. Sofort ist klar, daß wir nicht mehr aus­weichen können. „Festhalten“, schreie ich, dann kippt das Kajak, schlägt um und legt sich quer. Die Wucht des Auf­pralls reißt uns für Sekunden das Boot aus den Händen. Wellen schlagen über uns zusammen. Wir schnappen nach Luft und suchen Halt an dem Felsen, unter dem sich das Kajak verkantet hat_ Ein Fehltritt würde ausreichen, um in der reißenden Strömung den Stand zu verlieren. Die Fallkante des Dettifoss ist kaum 40 Meter weit entfernt. Was sollen wir tun? Die Fluten fesseln uns an den Felsblock, und das Kajak, das sich im Nu mit Wasser gefüllt hat, sackt ab. Uns bleibt nichts übrig, als das Holzgerüst zu zerbrechen und die Kunststoffhaut auf­zuschlitzen, damit der Strömungsdruck auf das Boot geringer wird.

EIN GESCHENK  DES HIMMELS

Wie ein Wunder taucht da plötzlich am Ufer eine hochgewachsene Gestalt mit roter, zerzauster Haarmähne und in braunem Schaffell auf. Der Mann sieht wie ein Wikinger aus. Nur die zerschlis­senen Jeans lassen erkennen, daß er aus unserem Jahrhundert stammt. Was auch immer ihn hierher verschlagen haben mochte: Er ist für uns ein Geschenk des Himmels. Wir werfen dem Rotschopf ein Seil zu, das er an einem Felsblock befestigt. Wenig später balancieren wir, eine Hand am Seil, unter dem anderen Arm alles, was wir an Bootsteilen retten können, ans Ufer.

Wir verfluchen den Fluß, verfluchen den Dettifoss, der uns beinahe zum Verhäng­nis geworden wäre. Nun ist es endgültig vorbei mit unserer Begeisterung für den Jökulsá. Alles ist durchnäßt: das Zelt, die Schlafsäcke, unsere Kleider. Die wasserdichten Lebensmittelbeutel sind aufgeschlitzt. Haferflocken, Backobst, Reis, Tütensuppen und Teebeutel sind durchweicht.

Gleichwohl beginnen wir schon am nächsten Morgen mit der Reparatur un­seres Bootes. Bis in die Nacht hinein arbeiten wir.

Im Canyon Jökulsargljufur mit seinen steilaufragenden Felswänden erreicht der Fluß den Höhepunkt seiner Kraft. Die schäumenden Fluten drängen sich durch eine steinerne Zwangsjacke und stürzen über zahlreiche Kaskaden in die Tiefe. Eine Kajakfahrt durch diese Schlucht wäre Selbstmord. Also treten wir zur „Portage“ an, nehmen Faltboot und Ausrüstung auf die Schulter und schleppen die Last 25 Kilometer durch das zerklüftete Gelände. Als sich eine weite Ebene vor uns ausbreitet und sich der Jökulsá á Fjöllum verästelt, haben wir das Delta erreicht. Jetzt kann es bis zum Meer nicht mehr weit sein. Das ist auch höchste Zeit, denn unser Boot leckt erbärmlich. Die Angelsehne, mit der wir die Außenhaut geflickt haben, dehnt sich, so daß ständig Wasser eindringt. Nach 18 Tagen, endlich, erreichen wir das offene Meer; völlig erschöpft, aber glücklich. Wir haben das Odadahraun durchquert — eine Region, die Gott noch nicht zu Ende erschaffen hat.

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