SVALBARD – Alpenlandschaft im Nordmeer

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Langsam klettern wir den schmalen Grat hinauf. 800 Meter unter uns wälzt sich der Waggonvaygletscher hinaus in den Fjord, das Nordmeer liegt spiegelblank da, und die Sonne steht tief am Himmel. Es ist Mitternacht. Der Grat ist ausge­setzt, aber nicht besonders schwierig. Bis jetzt ging es ohne Seil ganz gut. Ein steiler Aufschwung schafft plötzlich Pro­bleme. Er sieht hoffnungslos aus, wir müssen hinaus in eine der Flanken. Jörn versucht es zuerst auf der linken Seite. Er findet einen Vorsprung, der in einer steilen Rinne endet. Die Rinne sieht brüchig und wenig einladend aus. Auf der anderen Seite scheint es besser zu gehen. Wir steigen ein paar Meter ab und kommen so zu einigen großen Blöcken. Leichte Kletterei, und der Auf­schwung ist überwunden. Der Grat wird flacher, und nach etwa 200 Metern er­reichen wir den Gipfel. Die Sonne ist so stark, daß wir mit freiem Oberkörper hier heroben sitzen und die Aussicht ge­nießen können. Dies ist kaum zu glau­ben. Wir befinden uns etwa auf dem 79. Grad nördlicher Breite, fast tausend Me­ter über dem Meer, es ist Mitternacht. Um uns herum nur Berge. und Gletscher. Nur im Losvikmassiv besteht die Mög­lichkeit, mehrere Wochen zu klettern und Touren zu unternehmen. Der Gipfel, auf dem wir stehen, hat auf der Karte keinen Namen, aber wir nennen ihn Losvik I. Unter uns liegt der Magdalenafjord, ein­gerahmt von Gletschern und spitzen Gip­feln. Das einzige Geräusch in dieser sonst völligen Stille, ein monotones Rau­schen, wird von Abertausenden von Al­ken, kleine Meeresvögel, die in den Ber­gen um den Fjord nisten, verursacht und dringt zu uns herüber.

Beautiful mountains of Svalbard 80 degrees NorthsWir bleiben lange am Gipfel sitzen. Un­ser Plan war eigentlich, zu Losvik II hin­überzugehen, aber dies braucht Zeit, denn der Grat ist wild ,und zerklüftet, der Fels teilweise brüchig. Wir steigen daher in eine Mulde ab, von der eine Schnee­rinne direkt zum Gletscher führt. Sie ist etwa 800 Meter lang und ziemlich steil, deshalb Seilsicherung für die ersten 300 Meter. Von da ab wird es flacher, bis die Rinne gemächlich ausläuft.

Ist man erst einmal dort gewesen, in Spitzbergen oder auf einer der anderen Inseln, wird man von einer Art Polar­bazillus infiziert. Ich habe mich jeden­falls entschlossen, wieder zurückzukom­men. Und meine Liebe zu diesem Land ist auch nach ein paar Sommern dort oben nicht abgekühlt.

Svalbard, eine Inselgruppe, die unge­fähr zwischen dem 79. und 80. Grad nördlicher Breite liegt, und deren vier größte Inseln Spitzbergen, Nordaustlan­det, Egdeöya und Barentsöya sind, ge­hört zu Norwegen und wird von einem Gouverneur verwaltet. Die höchsten Berge, Newtontoppen und Perriertoppen, liegen im Nordosten Spitzbergens und sind beide 1717 Meter hoch. Andere be­kannte Berge finden sich im Süden der Insel, wie z. B. Hornsundtind (1430 m) und Tre Kroner (1226 m). Der größte Teil Svalbards ist mit Gletschern bedeckt, die eine Dicke von mehreren hundert Metern haben können und nicht selten bis ins Meer hinausfließen.

An Bodenschätzen kommt hier haupt­sächlich Kohle vor, sie wird vor allem an der Westküste Spitzbergens gefördert, die im Sommer eisfrei ist, da die Tem­peratur im Juli normalerweise auf plus 5 bis 10 Grad Celsius ansteigt. Auf Spitz­bergen liegt auch die Grubenstadt Lon­gyearbyen. Sie ist Verwaltungszentrum mit Flugplatz und Sitz des Gouverneurs. Der Sommer ist im allgemeinen nieder­schlagsarm, oft aber überzieht eine dichte Wolkendecke und Nebel in höhe­ren Lagen die Inseln. Dauerfrost ist für ein Land, das so weit nördlich liegt, cha­rakteristisch. Der Boden ist in den Nie­derungen bis etwa 150 Meter, im Ge­birge bis rund 300 Meter Tiefe perma­nent gefroren, lediglich die oberste Schicht taut in den Sommermonaten auf. Im Laufe des kurzen Sommers entwickelt sich ein vielfältiges Leben. Sobald der Schnee geschmolzen ist, sprießen die ersten Blumen, und im Juni können große Flächen von der schönen „Rödsil­dra“, besonders kleine Blumen mit in­tensiven Farben, bedeckt sein. In den Fjorden, auf Inseln und Klippen brüten Hunderttausende von Seevögeln und Gänsen. Der König der Tiere ist hier jedoch der Eisbär. Im Sommer trifft man ihn sehr selten an der Westküste an, aber man kann vor ihm nie ganz sicher sein. Zuletzt wurde 1977 ein Österreicher im Magdalenafjord von einem Eisbär ge­tötet.

08-mai-svalbardDie arktische Natur reagiert besonders empfindlich auf Eingriffe. Zu ihrem Schutz sind zwei Nationalparks errich­tet worden, zwei große Naturreservate und 15 Vogelreservate. So manche be­liebte Tour führt durch diese Schutzge­biete, deshalb ist hier auch jeglicher Motorverkehr zu Lande verboten. Es ist auch nicht erlaubt, Abfall wegzuwerfen. Aufgrund des Dauerfrostes kann man ihn nicht vergraben, er muß entweder ver­brannt oder mitgenommen werden. Be­sonderen Schutz genießt der Eisbär, man darf ihn ausschließlich zur Selbstvertei­digung töten. Nähere Bestimmungen über die Nationalparks und Reservate sind bei der dortigen Verwaltungsbehörde erhältlich.

Kletter- und Tourenmöglichkeiten

Die beliebtesten Tourengebiete liegen an der Westküste von Spitzbergen. Die Berge sind hier zerklüftet und weisen alpinen Charakter auf. Längs der ganzen Küste wälzen sich mächtige Gletscher ins Meer hinaus. Vielerorts ist der Fels brüchig und zum Klettern schlecht ge­eignet. Überall auf Spitzbergen gibt es gute Möglichkeiten zum Eisklettern und Gletscherwandern. Zwischen Sörkapp und Svea und an der Westküste nörd- lieh des lsfjord lassen sich ausgedehnte Gletschertouren machen. Man sollte vor allem bei längeren Unternehmungen Ski benutzen, denn der Schnee firnt oft tagsüber auf, und zu Fuß käme man dann nur schlecht vorwärts.

Des Gebiet um Longyearbyen ist land-schaftlich sehr reizvoll, hügelig und nicht so wild. Hier kommt besonders der Wan­derer zu seinem Recht. Der Kletterer hingegen wird eher den südlichen und nordwestlichen Teil Spitzbergens bevor­zugen, wo es besonders am Hornsund trotz brüchigen Gesteins schöne Kletter­möglichkeiten gibt. Sehr beliebt sind auch der Magdalena- und der Krossfjord. Hier lassen sich herrliche Touren in re­lativ festem Fels machen. Allerdings kann der Zugang zu diesen beiden Ge­bieten recht problematisch sein, denn sie sind nur vom Wasser aus zu errei­chen; man ist also auf ein Boot angewie­sen.

Wie kommt man nach Svalbard?

Zu dieser Inselgruppe kommt man ent­weder per Flugzeug oder mit der „Hurti­gruta“, einem Passagierschiff, das ein­mal wöchentlich zwischen Bergen und einigen Orten auf Spitzbergen verkehrt. Es fährt entlang der norwegischen Küste zum Nordkap und dann hinüber nach Longyearbyen. Von hier setzt es seinen Weg nach Ny Alesund fort, wobei es hin

und wieder am Magdalenafjord vor An­ker geht. Bei der Rückfahrt wird üblicher­weise auch ein Abstecher ins Eismeer gemacht, bevor es zurück nach Longye­arbyen geht. Von hier fährt die „Hurtig-ruta“ dann direkt Tromsö an. Früher war es üblich, auf Wunsch irgendwo an Land gesetzt zu werden. Besonders beliebt war da der Magdalenafjord. Das ist jetzt nicht mehr möglich. Begründet wurde dies damit, daß es Probleme mit dem Abholen gab.

This is how SAS hotel looks like ...Der einfachste Weg, um heute nach Sval­bard zu kommen, ist jedoch das Flug­zeug. Im Sommer wird von Oslo aus Longyearbyen dreimal wöchentlich an­geflogen, mit Zwischenlandung bzw. Flugzeugwechsel in Tromsö.

So unproblematisch die Anfahrt auch ist, so schwierig wird es dann mit dem Wei­terkommen, denn die „Hurtigruta“ ist die einzige planmäßige Möglichkeit, einmal pro Woche nach Ny Alesund und zurück nach Longyearbyen zu kommen. Man kann zwar in Longyearbyen ein Boot mieten, dies kostet abereinigesundmuß im voraus vereinbart werden. Die Ver­waltungsbehörde kann möglicherweise Kontakte mit Bootsbesitzern herstellen. Es gibt hier auch keine Hotels oder son­stige Übernachtungsmöglichkeiten. Man ist deshalb gezwungen, Zelt, Schlafsack etc. mitzunehmen. Außerdem besteht keine Gelegenheit, sich hier mit Provi­ant eindecken zu können, auch daran sollte man bereits vor der Abreise den­ken.

Plant man Unternehmungen weit abseits bewohnter Gebiete, sollte man unbe­dingt Funkgeräte dabeihaben, um im Notfall Hilfe herbeirufen zu können. Ein eigenes Boot, am besten ein großes Schlauchboot, ist von Vorteil. Man ist un­abhängig und kann die eindrucksvolle Umgebung besser erkunden. Es besteht die Möglichkeit, das Boot mit der „Hur­tigruta“ zu transportieren, dies kommt aber sehr teuer. Am einfachsten ist eine Flugzeug-Schiff-Kombination: Man be­nützt das Flugzeug bis Longyearbyen und das Schiff von da nach Ny Alesund und zurück. Da kann man z. B. ein paar Wochen auf der Brögger-Halbinsel ver­bringen und eine Woche beispielsweise in der Umgebung von Longyearbyen.

Hat man die Transportprobleme auf Sval­bard gelöst, muß man sich klar darüber sein, daß Touren hier eine lange Vorbe­reitung und genaues Planen erfordern. Unter anderem ist es notwendig, recht­zeitig mit dem Gouverneur Kontakt auf­zunehmen, denn ihm müssen Namen und Adresse aller Teilnehmer bekannt sein, auch muß er über Ausrüstung und Ziel informiert werden

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