Rundwanderung im Engadin – Über den Wassern des Inn

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ie Ankunft im Engadin ist wie der Beginn eines Theaterstückes. So­eben war man noch gefangen vom düsteren Dämmerlicht der Finster­münzerschlucht, im nächsten Augen­blick kneift man unwillkürlich, geblen­det vom grellen Weiß der Sonne, die Augen zusammen.

Und genau diese Sonne, die den Reisen­den mit ihrer ganzen Intensität begrüßt, hat dem Engadin zu seiner Berühmtheit verholfen.

Häufiger als sonst irgendwo in den Al­pen scheint sie herab auf uralte Dörfer, die mit ihren verwinkelten Gäßchen, plätschernden Brunnen, fremd anmu­tenden Namen und traditionsbewußten Einwohnern ein lebendiges Zeugnis ih­rer rätoromanischen Vergangenheit ab­legen.

scuol 01Seinen Namen hat das über 100 Kilome­ter lange Alpental von dem Fluß bekom­men, der es durchströmt. En heißt er auf rätoromanisch; als Inn kennen wir ihn. Doch dieser Inn hat nichts mit dem gro­ßen, trägen Fluß, der bei Passau die Do­nau trifft, gemeinsam. Ungebändigt stürzen seine türkisfarbenen Wassermas­sen durch wilde Schluchten in die Tiefe. Fast ebenso unberührt ragen an seinen rechten Ufern gewaltige Berge bis auf über 3000 Meter empor.

Auf die meisten Gipfel führen weder Wege noch Stege. Wer die Einsamkeit und Abgeschiedenheit liebt — hier findet er sie im großen Stil.

Aber auch der Wanderer, der auf festen Wegen eine ursprüngliche Bergwelt ken­nenlernen möchte, kommt voll auf seine Kosten. Die beste Möglichkeit, die si­cher schönste Region des Unterengadins zu erkunden, ist eine mehrtägige Wande­rung durch die Münstertaler Alpen. Was einem hier in vier Tagen an land­schaftlicher Vielfalt geboten wird, ist in der Tat einmalig.

Auf den knarrenden Bohlen einer ural­ten Holzbrücke überquert man den Inn und gewinnt auf einem steil ansteigen­den Forstweg rasch an Höhe. Der rau­schende Bach begleitet einen gute zwei Stunden bis zu einer Alm. Kurz darauf verliert die Landschaft ihr liebliches Ge­sicht, und man erreicht den ersten Höhe­punkt der Wanderung. Man mag es kaum glauben, daß durch den fast senk­rechten Talschluß ein Weg führen soll, doch Hunderte von Metern über don­nernden Wasserfällen windet sich eine schmale Galerie durch den lotrechten Fels. Die Tiefblicke sind beeindruckend, vor allem, wenn man bis dicht an den Rand tritt und einen Blick über das soli­de Geländer riskiert. Noch beeindruk­kender aber ist die Tatsache, daß dieser Weg früher eine heißumkämpfte Verbin­dung zwischen der Schweiz und Italien darstellte. Zöllner und Schmuggler, für die der illegale Warenhandel die einzige Überlebenschance war, lieferten sich in der hochalpinen Szenerie erbitterte Ge­fechte. Eine Gedenktafel erinnert an längst vergangene Zeiten.

Am Fluelapass, im Val SusascaNahtlos dann der Wechsel in ein herrli­ches Hochtal. Der nur schwach ausge­prägte Weg verliert sich manchmal zwi­schen der Vielzahl von Trittspuren der Rinderherden. Da den Kühen von der Schweizer Seite aus der Aufstieg nicht möglich ist, nutzen die Südtiroler Bau­ern die herrliche Weide für sich. Zoll­probleme werden in einem markanten, steinernen Trichter gelöst, durch den das Vieh unter den wachsamen Augen der Gesetzeshüter hindurchgetrieben wird. Den Abend verbringen wir in der neuer­bauten, aber trotzdem urgemütlichen Sesvennahütte.

Am nächsten Morgen ist es vorbei mit den komfortablen Wegen. Steil windet sich hinter der Hütte der schmale Steig nach oben. Immer öfter müssen wir über Schneefelder stapfen. So nah, wie die Paßhöhe von der Ferne erschien, so mühsam sind die letzten Meter. Noch einmal knapp eine Stunde, und dann sind wir ganz oben. Der 3204 Meter hohe Piz Sesvenna entschädigt die schweißtreibende Aufstiegsmühe durch einen fantastischen Rundblick, vom Ort­ler im Süden bis zur Silvretta im Norden. Der Abstieg geht gehörig in die Beine, führt aber durch ein zauberhaftes Hoch­tal, vorbei an Wasserfällen und entlang an sprudelnden Bächen. Nach einem langen Tag erwartet uns ein urgemütli­cher Gasthof im hochgelegenen Scar! mit einer überraschenden Vielzahl an Spezialitäten, die man sonst im Tal oft lange suchen muß. Bis spät in die Nacht lauschen wir auf der Terrasse dem Gur­geln des Wassers und dem leisen Rau­schen des Windes.

Eine beschauliche Rundwanderung lei­tet am nächsten Tag um der, einsamen Piz Starlex, dessen 3066 Meter hohes Haupt allerdings nur auf schwachen Steigspuren erreicht werden kann.

Dafür geht es dann als krönender Ab­schluß auf bestens markierten Wegen durch die urweltliche Schönheit des Schweizer Nationalparks.

Wenn man frühmorgens

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