sieben Tage im Berner Oberland

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Eiger, Mönch und Jungfrau. Mächtige Granitriesen mit eisgepanzerten Flanken, die über grünen Almen mit weidenden Rindern in den Himmel wachsen.

Das ist mehr als ein Stückchen Schweiz. Das ist die Schweiz schlechthin. Bilderbuchmotiv und Anziehungspunkt eines nicht abreißenden Touristenstroms. Japanisches Geschnatter mischt sich mit hartem amerikanischen Akzent. Schaulustige Touristen sitzen auf der Fahrt zum Jungfraujoch ernsten Hochalpinisten gegenüber.

Neben dem Edelweiß blüht auch das Geschäft. Doch es ist nicht schwer, dem ganzen Rummel den Rücken zu kehren und eine Bergwelt zu erleben, die vor dem gierigen Erschließungsgriff bewahrt wurde.

„Hintere Gasse“ heißt ein 115 Kilometer langer Wanderweg, der fast das gesamte Berner Oberland von Meiringen im Osten bis Gsteig im Westen durchzieht. Doch so düster, wie der Name klingt, so einladend ist die Tour selbst.

Sieben Tage lang geht es vorbei an Wasserfällen, Bergriesen und Gletschern, durch Wälder, über Almen. Nicht weniger als acht Pässe gilt es zu überwinden. Hier können wir den Touristenströmen entfliehen, ohne auf die Erhabenheit der Viertausender verzichten zu müssen. Und obwohl es sich um eine sehr hochalpine Wanderung handelt, bewegen wir uns meist im Voralpengebiet, in der Nähe von Almweiden. Wir kommen mit Einheimischen ins Gespräch, erfahren von den Sorgen und Nöten der Senner, aber auch von der Freude an ihrer Arbeit in der Natur. Wer ein gutes Ohr besitzt, wird bald die von Tal zu Tal unterschiedlichen Dialekte bemerken.

Nicht nur die Sprache ist hier vielfältig, diese Gebirgslandschaft ist so abwechslungsreich wie kaum eine andere in den Bergen zwischen Wien und Nizza. Am Beginn unserer Wanderung ragen links die Engelhörner wie weiße Zähne in den dunkelblauen Himmel. An diesem Kalkriff am Rande des großen Granitmassivs versuchen sich die Kletterer, und wenn der Vergleich diesen Felsen auch etwas schmeichelt — Erinnerungen an die Dolomiten werden wach. Ganz im Gegensatz dazu der Eiger mit seiner berüchtigten Nordwand, die häufig als Mordwand bezeichnet wird. Hier können wir uns vorstellen, welche seelische und körperliche Kraft nötig ist, um in dieser Senkrechten zu bestehen.

Unser Auge findet jedoch schnell wieder Halt. Nur wenige Minuten vom Wanderweg entfernt sieht man die Bauern am Rande des tief hinabreichenden Grindelwaldgletschers Heu machen. Und wenn wir am Abend des fünften Tages im letzten Sonnenlicht die Engstligenalp erreichen, kann man sich in die Weite Skandinaviens hineinversetzt fühlen. Verstreut auf der Ebene dieser Alp, die einstmals ein See war, stehen Hauser mit tief herabgezogenen Dachern. Hier sucht man vergeblich nach den prunkvollen Bauernhãusern, die wir auf unserer Wanderung manches Mal fanden.

Diese behäbigen und reichverzierten Höfe in den Tälern von Simme und Kander gehören zu den schönsten der Alpen überhaupt. Die Sonne hat das Holz dunkel gefärbt und ihm Charakter verliehen. Vor den Sprossenfenstern hängen Geranien, die in keinem Treibhaus üppiger gedeihen würden.

Wandern macht hungrig; deshalb ist es gut zu wissen, daß bei dieser Tour auch der Gaumen nicht zu kurz kommt. Im Sommer munden die Käsespezialitäten, und wenn wir diesen Weg im September, im sogenannten Altweibersommer gehen, dann werden wir eine Oberländer Spezialitat genießen können. Safranreis mit Pilzen wird auf der Oberen Bundalp serviert, dazu kann man sich einen Fendant einen prickelnden WeiBwein aus dem Walliser Rhonetal schmecken lassen.

Wenn das Wetter einmal nicht mitspielt oder die FüBe nicht mehr so recht wollen, können wir den „Marathon“ durch das Berner Oberland jederzeit abbrechen, kühnen Wänden und kalten Gletschern den Rücken kehren und ins Tal absteigen. Dort liegen die bekannten Fremdenverkehrsorte Grindelwald, Wengen, Kandersteg, Adelboden, Lenk und Gstaad. Mit dem Bus läßt man sich dann zum Ausgangspunkt Meiringen im Haslital zurückchauffieren. Dabei geht man in Gedanken noch einmal die einzelnen Etappen ab, denkt an den erfrischenden Bach, den imposanten Wasserfall, die Murmeltierkolonien am 2834 Meter hohen HohtürliPaß und die Begegnung mit dem alten Senner.

Das ist keine PostkartenSchweiz, die wir in den sieben Tagen durchwandert haben, auch wenn uns die „Hintere Gasse“ durch Bilderbuchregionen führte. Wir durften in die Stille und uns selber hineinhorchen und dabei die allzu laute Welt vergessen den Alltag hinter uns lassen.

1. Etappe: Meiringen-Kleine Scheidegg Die Hintere Gasse beginnt in Meiringen. Wer mit der Anreise spät dran ist, kann mit dem Postbus bis zur Schwarzwaldalp (1454 m) fahren. Auf gutem

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