Die Hardanger-Vidda – wie vor tausend Jahren

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Nicht nur im Winter, wenn eisige Schneestürme und grimmige Kälte die Einsamkeit der Hardanger- Vidda beherrschen, sondern auch erst recht im Sommer ist die Hardanger-Vidda ein wildes, urtümlich gebliebenes Stück Natur. Pure Natur, mit nichts als Anmarsch- und Durchmarschpfaden. Längs des Weges liegen Übernachtungshütten, unmittelbar daneben aber beginnt menschenleere Wildnis. Ein 7500 qkm großes Areal, in dem seit Urzeiten nur der Wind die Geräusche bestimmt, sonst ist nichts als Stille, noch wie vor tausend Jahren.

Dieses Gebiet, mit einer durchschnitt­lichen Höhe von 1000 bis 1200 Meter, kann als Europas größtes Gebirgspla­teau angesehen werden. Auf den über 1200 Kilometer markierten Wegen kön­nen zahllose Touren von acht bis zehn Tagen Dauer und noch mehr durchge­führt werden. An die vierzig Stege und kleine Brücken überqueren die vielen fließenden Wasser. Ausgangspunkt für die von Oslo kommenden sind Rjukan oder Haukeliseter. In der Hardanger-Vidda selbst gibt es keine Ortschaften oder Straßen. Lediglich an den Randge­bieten. Dafür sind aber sehr zahlreich Hütten vorhanden. Teils privat bewirt­schaftete. teils die Hütten des DNT (norwegischer Alpenverein) oder anderer Organisationen. Alles in allem gibt es 35 Hütten mit insgesamt 1000 Betten, die dem Wanderer zur Nächtigung die­nen.

Die gesamte Hochfläche ist mit kleinen und großen Seen geradezu übersät. Es steht fest, daß die Hardanger-Vidda in Nordwest/Südostrichtung mit dem Kanu durchfahren werden kann, da die Seen fast immer durch Flüsse bzw. Bäche miteinander verbunden sind. Nur weni­ge Landtransporte sind notwendig. Bis­her war es nicht zu erfahren, und in Zu­kunft wird es so schnell auch nicht zu erfahren sein, wie die genaue Kanu­strecke durch dieses Seengewirr verläuft. Es ist das Geheimnis einiger we­niger „Scouts“, die es hüten wie ihren Augapfel (berechtigterweise). Wer es wissen will, muß es also selbst auskund­schaften.

Doch die Hardanger-Vidda ist noch mehr. Sie ist auch ein Gebiet für Bota­niker. Über 450 verschiedene Pflanzen­arten sind gezählt und einige norwegi­sche Bergblumen sind südlicher nicht mehr anzutreffen. Als botanisch beson­ders interessant gilt die Strecke von Litlos nach Hadlaskar durch das Viersdalen (Dal = Tal). In diesem Abschnitt sollen alleine 200 diverse Arten ver­merkt sein.

Die großen, weiten Wiesenflächen bieten im Sommer übrigens zigtausend Rentieren eine oftmals auch umkämpfte Weidefläche. Das ungeübte Auge wird eine Rentierherde von weitem so schnell nicht erkennen. Auch wenn es vier- fünftausend Rene sind. Erst wenn die vermeintliche „Steinhalde“ pfeil­schnell über die Hänge zieht, sieht man die Leiber. Es ist ein Hurrikan an Lei­bern.

Nun, wenn man über Tourenvorschläge spricht, so ist das in einem Gebiet die­ser Größe immer eine subjektive Sache. Es kann nur so sein. Empfehlenswert ist aber ohne Zweifel der Tourenvor­schlag des DNT, der eine Wanderung von sieben bis acht Tagen vorsieht. Start ist in Rjukan und die Tour führt mitten durch die Hardanger-Vidda über Sandhaug, Litlos, Torehytta und endet in Kinsarvik am Eidfjord, einem Neben­arm des Hardangerfjords. Dies ist keine Rundtour, sondern eine komplette Durchquerung von Ost nach West. Die Tagestouren sind im Schnitt mit zwi­schen fünf und sieben Stunden Geh­zeit angesetzt. Wer jetzt beispielsweise mit dem Auto von Deutschland aus an­gereist kommt, muß eventuell nochmals zwei Tage zusätzlich einkalkulieren, bis er wieder am Ausgangspunkt beim Auto zurück ist. Da die norwegischen Bus­bzw. Bahnpreise auch nicht gerade die billigsten sind, wäre zu überlegen, ob man nicht selbst eine Rundtour, unter der teilweisen Einbeziehung des DNT-Vorschlages, zusammenstellt. Bei der reichen Anzahl von Hütten und mar­kierten Wegen ist dies rundum kein Problem. Naheliegend ist, die vorge­schlagene Route bei Litlos zu verlas­sen, um nach Haukeliseter abzuzwei­gen.

Die Karten, Literatur (in Deutsch), Aus­rüstungsvorschläge usw., die DNT ver­kauft bzw. zur Verfügung stellt, all dies erleichtert auch dem Norwegen­neuling eine teilweise oder vollständig eigene Tourenplanung. Wer in der Hardanger-Vidda allerdings von den markierten Wegen abweicht, muß die Orientierung mit dem Kompaß einwandfrei beherrschen. Denn als un­verwechselbare Anhaltspunkte können im Westen höchstens der Harteigen (1690 m) und im Norden der Hardanger­jökulen-Gletscher (1876 m) dienen. Der Rest ist hügelige Ebene. Bei so vielen Seen denkt man unwillkürlich ans An­geln und an die selbst gefangene Gebirgsforelle. Wer in der Hardanger-Vid­da angeln will, muß wissen, ein Großteil dieser Landschaft ist Privatbesitz und damit auch die Seen, der Rest ist

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