Heißer Ritt den Suam hinunter – Mit dem Faltboot in Afrika

No Comments

Auf dem Mount Elgon im Nordwesten Kenias entspringt der Suam, einer der wildesten Flüsse Afrikas. Er sollte mit einem Faltboot bezwungen werden.

Unser Biwak stand in einer Höhe von 4000 Metem über dem Meeresspiegel. Wir befanden uns in der Nordwestecke Kenias. Hier erhebt sich das gewaltige Gebirgsmassiv des Mount Elgon. Genau über dem höchsten Gipfel (4321 Meter) verläuft die Grenze zwischen Kenia und Uganda.

Es ging uns nicht ums Bergsteigen. Wir wollten auf den Gipfel, aber nur, um dort oben zu erkunden, wo der Suam ent­springt, einer der wildesten Flüsse Afri­kas. Der Suam — das war unser Ziel. Ihn wollten wir mit zwei leichten Pouch-Falt­booten — 5,20 Meter lang und 80 Zenti­meter breit — bezwingen; von der Quelle bis zur Mündung in den Turkwel-Fluß. Über den Turkwel wollten wir weiter bis zum Turkana-See. 350 Kilometer wür­den das sein.

Entfesselte Wasserberge stürzten über uns hinweg

Mit unseren kenianischen Bergführern Morris und Kibseng waren Christopher, Michael und ich den Mount Elgon hin­aufgestapft. Ringsum Hochmoore und Dschungel; tiefrot blühende Fackellili­en, kerzenähnliche Lobelien, meterho­hes Heidekraut. Schwüle Höhenluft, Kälte, sturzbachartige Regengüsse und wilde Tiere setzten uns mächtig zu, ehe wir unterhalb des Gipfels in einer ellip­senförmigen vulkanischen Mulde einen Bach entdeckten, der bis zu einer Fels­kante floß, von der aus das Wasser in dün­nen Kaskaden in die Tiefe stürzte. Der Suam.

Seit einer Woche waren wir nun auf dem Fluß. Und dieser Suam und seine Wildnis waren widerspenstiger als erwartet. Besonders für das Durchfahren von Stromschnellen hatte unsere Vorstel­lungskraft nicht ausgereicht. Wir taten gut daran, den Suam von Anfang an nicht zu unterschätzen. Ehe wir uns ver­sahen, waren wir im Tumult schäumen­der Fluten. Eine gewaltige Welle schlug mir ins Gesicht. Entfesselte Wasserberge stürzten über uns hinweg. Es wurde ernst. Im Zickzack-Kurs jonglierten wir das Ka­jak zwischen Felsblöcken hindurch. Dann schoß das Boot über Felskanten, stürzte hinab, tanzte wie eine Nußschale zwischen Wellenkämmen und -tälern.

Ich hatte das Gefühl zu schweben. Nur für Sekunden sah ich den Fluß, Felsbar­rieren, dichten Busch und ein kleines Stückchen Himmel. Was ist, wenn das Boot jetzt kentert und du mit dem Kopf gegen einen Felsen schlägst? Vielleicht lauern Krokodile auf einer Sandbank? Oder Strudel ziehen dich in die Tiefe? Mit Wucht schleuderte das Kajak gegen Basaltfelsen. Gurgelnd schoß eine Was­serfontäne aus dem Bootsrumpf. Holz-spannten brachen. Das Boot kenterte. Wir stürzten in Dunkelheit und schluck-  ten brackiges Wasser.

Erster Gedanke: Zurück zum Boot! Wenn die Strömung es erst einmal erfaßt hatte, war alles aus. Michael klammerte sich an den Bootsrand, wurde vom fauchenden Wasser mitgerissen und erreichte flußab­wärts das Ufer. Ich schlug mit dem Rücken gegen einen treibenden Baumstamm. Und sofort brauchte ich Luft, Luft …

Mehr treibend als schwimmend kam ich dem Ufer näher, als sich mir eine schwar­ze Hand entgegenstreckte. Kräftig packte sie mich am Arm, zerrte meinen schlaffen Körper durch das schmutzigbraune Was­ser. Hustend fiel ich auf das steinige Ufer und starrte in ein fremdartiges Gesicht. Ohrläppchen und Unterlippe waren von Holzpflöcken durchbohrt. Der muskulöse Körper mit einem Tuch verhüllt. Ein Krieger vom Stamm der Suk.

»M’uzuri! « keuchte ich. M’uzuri ist Sua­heli und bedeutet: Ja, es geht mir gut. Die Bedeutung richtet sich nach der Ausspra­che, ist aber immer dankend.

Am nächsten Tag erreichten wir einen tiefeingeschnittenen Canyon. Die Turk­wel-Schlucht. Hier stürzte der Suam über mehrere Felsstufen in die Tiefe. Eine Ka­i akfahrt durch diese »Turkwel-Gorge« wäre Selbstmord gewesen. Also schlepp­ten wir — mit Hilfe einiger Einheimischer — Boote und Ausrüstung über die Höhen am Rande der Schlucht, drei Tage lang. Schon wenige Tagesstrecken nach dem Zusammenfluß von Suam und Turkwel mußten wir aus den Booten, weil eine

Sandbank den Flußlauf versperrte. Sol­che Unterbrechungen wurden immer häufiger, je weiter wir nach Norden ka­men. Über weiche Sandbänke zogen wir, über Kiesel- oder Geröllbänke trugen wir die Kajaks.

Ein Tag wie der andere: Sonne, Hitze, Durst. Das Paddeln wurde zur Tortur. Je­der Paddelschlag kostete Flüssigkeitsverlust.

Am 38. Tag tauchten in der Ferne einige Lehmhütten auf— seit Wochen die ersten menschlichen Behausungen: Lodwar, ein kleines Nest, aber Zentrum der Distrikts­verwaltung im weiten Nordwesten Keni­as.

»Wohin«, fragte der freundliche District Commissioner, «wohin wollen Sie mit Ihren Booten? Zum Lake Turkana? Aber das geht doch gar nicht! Ein paar Kilome­ter hinter Lodwar ist gar kein Wasser mehr im Turkwel. Es hat seit Monaten nicht mehr geregnet. «

Enttäuscht krochen wir‘ an diesem Abend ins Zelt, als der Regen mit tropischer Wucht über uns herfiel. Und das Wasser des Turkwel stieg an. Doch zwei Tage später war der Regenguß von Lodwar nur noch ferne Erinnerung. Das Flußbett war knochentrocken.

Boote und Ausrüstung kamen auf den Lastwagen

Die Rettung kam am nächsten Morgen. Eingehüllt in dichte Staubwolken, nä­herte sich ein britischer Militärlastwa­gen. Die Soldaten befanden sich im Auf­trag der Regierung auf dem Weg nach Norden, um Landvermessungen vorzu­nehmen. Sofort waren sie bereit, uns zu helfen. Boote und Ausrüstung wurden auf den Lastwagen geladen. Am Turkana-See, im einzigen Kramladen des Dorfes Kallakol, sollten unsere Sachen sicher deponiert werden.

Wir, nun der Last der Boote ledig, hatten uns vorgenommen, die verbleibenden 60 Kilometer bis zuni See wie Nomaden zu Fuß zurückzulegen. Es wurde eine harte Prüfung. Aber was soll man auch erwar­ten von 60 Kilometer Wüste?

Der 42. Tag. Je näher wir an den Turka­na-See herankamen, desto lebloser er­schien uns die Landschaft. Eine chaoti­sche Wirrnis in rauchigvioletter Farbe. Deprimierende Visionen. Wüste total.

Wir durchquerten ein Wadi aus glasarti­gem Sand und erklommen eine Anhöhe. Vor uns öffnete sich ein weites Tal mit dünnem Strauchwerk — aber dahinter be­gann etwas Grünschimmerndes, das wie ein Meer aussah. Der Turkana-See.

Wir liefen in das Wasser. Kühle Wellen umspülten die geschwollenen Füße. Mir der Hand schöpfend, schüttete ich da‘ Wasser über den erhitzten Kopf. Ge­schafft!

More from our blog

See all posts