Abenteuerurlaub in Spanien – Canyon Rio Alcanadre – Sierra de Guara

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Schroffe Felsen ragen vor uns in den stahlblauen Himmel. In der Ferne flimmern diffus die Konturen der gewaltigen Kette der Pyrenäen. Endlos weit entfernt vom spanischen Massentourismus, von Betonburgen und überfüllten Stränden, kämpfen wir uns durch fast undurchdringliches Macchiagestrüpp. Er muß ganz in der Nähe sein — der Barranco de Gorga Negras. Eine grandiose Schlucht, die der Fluß in Millionen von Jahren viele hundert Meter tief in das Gestein gefräst hat. In der Umgebung gibt es eine Reihe von Canyons, aber der Gorga Negras hat den gewaltigsten geschaffen. Ein Labyrinth von Felsabbrüchen, von Wasserfällen. von kleinen Seen und lotrechten Wänden. Kein Weg führt durch dieses Kapitel Urgeschichte. Kein noch so kühner Wildwasserfahrer wird sich je in diesen Verhau wagen. Und genau da wollen wir hindurch. Sechs Mann mit einer kompletten Kletterausrüstung, die diese Schlucht durchklettern wollen und sich dort, wo es nicht mehr zu Fuß weitergeht, in das klare, eiskalte Wasser stürzen werden. Einer unserer Gruppe, Werner, war schon einmal hier. Ebenso wie eine Handvoll Spanier und Franzosen. die Jahr für Jahr wiederkehren und das Abenteuer suchen.

Werner ist es auch, der uns zielsicher durch die glühende Augusthitze und durch die stechenden Sträucher der Macchia zum Abstieg führt. Vereinzelt auf der Ebene grasende Schafe sind die letzten größeren Lebewesen, die zu uns herüberblicken, bevor wir eintauchen in das diffuse, dämmerige Licht der Schlucht. Gleich nach der Einstiegstelle werden unsere Kletterkenntnisse zum ersten Mal auf die Probe gestellt. Der Fluß rauscht über eine Kante, wird zum Wasserfall. Wollen wir weiter, müssen wir hier abseilen. Trotz meiner Faserpelzjacke, die ich unter meiner Regenbekleidung trage, trifft mich die kalte Dusche des Wasserfalls hart. Ich habe schon schönere und trockenere Strecken erlebt als diese Urgewalt. Die Ohren dröhnen, und immer neue Wassermassen stürzen auf mich herein. Die Gewalt des Elements läßt mich durchpendeln. Daß ich mir das Knie am Fels aufscheuere, merke ich kaum, denn unten im Becken angekommen, gilt es möglichst wenig Wasser zu schlucken und sich aus der Abseilbremse zu lösen. Prustend und mehr kriechend als aufrecht erreiche ich das Ufer. Auch den anderen, die nach und nach dem kalten Wasser entsteigen, ist klar, daß es nun kein Zurück mehr gibt. Die Schwelle ist unüberwindbar. Weiter geht es durch das kiesige Flußbett oder durch Ufergestrüpp, das sich abwechselt mit chaotischen Felslabyrinthen.

Unsere Eile ist begründet. Die majestätischen Felstürme lassen hin und wieder einen Blick nach oben zu. Wir sehen, daß die Sonne nur noch selten hinter bedrohlichen Wolken vorkommt. Sollte es ein Gewitter geben, könnte sich der glasklare Fluß schnell in eine unberechenbare, wütende braune Schlange verwandeln. Wir müßten dann mit einem Stock die tückischen Steinbrocken ertasten, die unter der Oberfläche des lehmverschmutzten Wassers auf uns lauern. Das würde die Gefahr, nicht mehr heil aus der Schlucht zu kommen, um ein Vielfaches erhöhen. Wir haben wenig Lust, in diese Zwangslage zu kommen. Trotz des unwegsamen Geländes legen wir alle automatisch einen Schritt zu. Immer häufiger werden die Blicke nach oben gerichtet. Die Wolken erziehen sich nicht! Also weiter.

Das Konglomeratgestein scheuert an den Neoprenanzügen meiner Freunde. Bieten sich längere Wegstrecken am Ufer, kommen wir fürchterlich ins Schwitzen. Die kurzen Schwimmstrecken sind auch keine Erfrischung — das Wasser ist unangenehm kalt.

Trotz der Eile muß immer noch soviel Zeit sein, das Abenteuer auch zu fotografieren. Hinter jeder Ecke bieten sich neue Naturwunder. Charly setzt gerade die Kamera an, da sehe ich ein bleistiftdünnes Etwas auf ihn zuschwimmen. In Sekundenschnelle hat die Wasserschlange zugebissen. Gott sei Dank nur in Charlys Stiefel. Werner versichert, daß sie ungiftig sei. Trotzdem!

Es gibt ruhige Schwimmstrecken, die auch einen Blick in die ursprüngliche Wildnis des Canyon zulassen. Die Felsriesen sind überwältigend.

Der Gorga Negras ist schon fast überwunden. Doch übergangslos schließt sich der Barranco de San Christobal an. Wieder gilt es eine Schwelle zu überwinden. Werner und Herbert seilen ab, Bernd wagt den Sprung. Das dunkle Wasser im Becken scheint tief genug zu sein. Bernd kommt gut unten an. Hermann schaut kurz hinterher und stößt sich ebenfalls ab. Wegen des schweren Rucksackes macht er einen eleganten Salto rückwärts und schlägt auch mit dem Rucksack auf dem Wasser auf. Er hat sich nicht verletzt — der Rucksack hat den Aufprall gemildert.

Wir haben in unseren Rucksäcken die Vorräte wasserdicht verpackt. Dadurch haben die Rucksäcke noch eine andere positive Eigenschaft: Man taucht nach einem Sprung weniger tief ein. Durch leichtes Nieseln kündigt sich wenig später an, was wir befürchtet hatten. Der Regen ist da! Automatisch wird es

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