Südtirol

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Wer die Täler und Berge Südtirols nur von Sommertouren her kennt, der hat viel versäumt. Im späten Herbst präsentiert sich die heitere Landschaft in verschwenderischer Pracht.

Wenn auf der Alpennordseite schon die Täler im Nebel versinken, läßt sich hier unter südlicher Sonne noch lange wandern und genießen. Denn — auch wenn es die Skiliftbesitzer gerne verschweigen — der Herbst dauert in Südtirol länger, und der Winter kommt fast immer später als auf der anderen Seite der Alpen. Vor der langen Winterpause ist hier für den Wanderer noch einmal Gelegenheit, tief durchzuatmen und sich dem Zauber einer überwältigenden Landschaft hinzugeben. Ein dauerhaftes Hochdruckgebiet sorgt für tiefblauen Himmel und kristallklares Licht „Wolkenlos“ und „Gute Fernsicht“ prohezeit täglich der Wetterbericht Die Meteorologen können sich vom Sommerstreß erholen. Selten ist die Chance, eine zutreffende Wetterprognose zu stellen, besser als im Herbst. Die Obstbäume in den Tälern ducken sich unter der Last ihrer Früchte. Prall und schwer reifen die Trauben unter dem Schirm der Rebstöcke. Alles signalisiert hier Reichtum und Überfluß und wirkt doch nicht protzig tirol foto. Gemütliche Wirtshausgärten laden ein zum Verweilen unter dem bunten Blätterdach ehrwürdiger Kastanien. Die Zeit der Eßkastanien, der frischen Nüsse und des jungen Weins ist angebrochen — die wichtigsten Zutaten zum Törggelen. Zum Glück ist der alte Brauch noch nicht überall zum organisierten Massenbesäufnis ausgeartet Freundlich und einladend präsentieren sich die stattlichen, alten Bergbauernhöfe an den steilen, sonnenbeschienenen Hängen. Von Hof zu Hof zu wandern, Wein, Nüsse und Speck zu probieren, diese beschauliche Form des Törggelens ist erfreulicherweise auch heute noch durchführbar und noch lange nicht ausgestorben. Herauszufinden wo und wie bleibt jedem selbst überlassen. Daß der Weg und der Auftrieb zu den Bergen Südtirols nicht selten durch einen gar zu verlockenden Platz auf der Wirtshausbank entscheidend gebremst werden kann, muß besonders um diese Jahreszeit als eine nicht zu unterschätzende, subjektive und auch objektive alpine Gefahr gesehen werden. Wer jedoch den Versuchungen der Täler widerstehen konnte, braucht dies keineswegs zu bereuen. Auch die Berge zeigen sich jetzt im besten Licht Das intensiv genutzte Kulturland geht nahtlos über in alpine Wildnis von atemberaubender Dimension. Die dadurch entstandenen Kontraste sind einzigartig. Alles was die Dolomiten schon im Sommer zu einem außergewöhnlichen Gebirge macht, erscheint jetzt im zauberhaften Licht der Herbstsonne noch schöner, noch größer, noch gewaltiger. Und trotzdem ist es selbst im Umkreis der bekanntesten Postkartenmotive ruhig geworden zwischen den Wänden und Almwiesen. Die Touristensaison ist vorbei. Viele Hüttenwirte sind schon wieder übergesiedelt in die Täler. So bequem wie im Sommer ist der Aufenthalt in den Bergen nun nicht mehr. Längere Touren müssen sorgfältig geplant werden. Die Übernachtung im Winterraum erfordert ein schmerzlich spürbares mehr an Gepäck und häufig auch mehr an Humor. Eine Alternative sind Tagestouren mit entsprechend längeren Gehzeiten. Die Tage aber sind empfmdlich kurz geworden. Ein früher Aufbruch ist jetzt selbst für notorische Langschläfer nicht mehrnzu umgehen. Unerwartet schnell kann sonst die gemütliche Bergwanderung zum hektischen Wettlauf gegen die kalte Herbstnacht ausarten.nAuch ohne zusätzliches Gepäck für die Übernachtung im Winterraumnmuß für eine Tour zwischen Herbst und Winter mehr in den Rucksackngepackt werden als für eine Sommerwanderung. Ohne zusätzlichemwarme Kleidung kann die Gipfelrast schnell zur Zitterpartie im eisigen Wind werden. Skistöcke werden zum wichtigsten Teil der Ausrüstung. Beim Begehen der ersten Schneefelder und vereisten Flächen helfen sie entscheidend dabei, in der sicheren Senkrechten zu bleiben. Je nach Himmelsrichtung und Höhenlage der geplanten Bergtour kann es sogar notwendig sein, Steigeisen und Pickel einzupacken. Trotz modernster und teuerster Ausrüstung sind jedoch Trittsicherheit und eine reichliche Portion Erfahrung mit wechselnden Verhältnissen die wichtigsten Voraussetzungen für unbeschwerte Bergtouren im Vorfeld des Winters. Der Lohn für dieses kleine Mehr an Ausrüstung, Planung und vielleicht Anstrengung ist mehr als reichlich.nDie fünf nachfolgend ausgewählten Tourenvorschläge sind typische Beispiele für die Vielseitigkeitnder Wandermöglichkeitenndurch die herbstliche Landschaft im sonnigen Süden.nDie beschriebenen Bergziele liegen nicht nur räumlichnweit auseinander, auch imnLandschaftsbild und in dennbergsteigerischen Anforde­rungen unterscheiden sie sich gewaltig. Der schmale Steig durch die Steilflanken unter den Tribulaunen kann nicht verglichen werden mit den breiten und bequemen Panoramawegen in den Sarntaler Alpen. Durch „richtige“ Dolomitenlandschaft führen die Steige an und um den Peitlerkofel, und die Texelgruppe hoch über den Rebstöcken von Meran zeigt auch in ihren Randgebieten schon richtigen Hochgebirgs­charakter. Daß all diese so unterschiedlichen Berglandschaften trotz­dem „irgendwie“ zusammengehören und durch die grünen Anne der Täler miteinander verbunden sind, ist einer der Gründe, die immer wieder neugierig machen auf Südtirol und gleichermaßen begeistern. Und wer den Herbst auf der Sonnenseite der Alpen erst einmal so richtig kennen- und liebengelernt hat, der wird bald bedauernd fest­stellen müssen, daß er auch in Südtirol viel zu kurz ist fliesen innsbruck.

Dieser klassische Höhenweg über dem Südtiroler Pflerschtal führt zwar durch hochalpines Gelände, ist aber wegen seiner südseitigen Lage noch bis in den Spätherbst zu begehen. Die beiden Tribulaunhütten am Wege schließen allerdings zu dem Ter­min, an dem für die Alpenvereine der Winter beginnt. Die Hütte auf der Südtiroler Seite hat jedoch einen vorbildlichen Winterraum. Der luftige Steig, der im Frühjahr und Sommer an vielen Stellen von gefährlichen Altschneerinnen unterbrochen ist, zeigt sich im Herbst von seiner besten Sonnenseite. Wer vor dem Wintereinbruch noch einmal atemberaubende Tiefblicke und gewaltige Landschaft erwan­dern will, hier ist er auf dem richtigen Weg.

Kalt und dunkel ist es draußen, als wir am frühen Morgen losfahren. Dichter Nebel über Inntal und Brennerautobahn dämpft die verschla­fene Stimmung zusätzlich. Erst nach der ersten Steigung zum Obernbergtal wird der graue Brei durchsichtig. Die aufgehende Sonne zau­bert phantastische Lichtreflexe aus den Zutaten Rauhreif und Nebel­schwaden. Diese Zauberwerkstatt überzieht ein makellos blauer Him­mel. Ohne Bedauern wird die schlechte Laune drunten beim Nebel deponiert. Mitten durch das Tal verläuft die Grenze zwischen den Jahreszeiten. Die Wiesen auf der Schattenseite sind vom Rauhreif dekoriert. Die Südhänge gegenüber leuchten warm in der Sonne. Mit steifen Gehwerkzeugen stolpern wir auf dem Schotterweg zum Obernberger See und der warmen Sonne entgegen. Bald steigt der Weg an und sorgt für zusätzliche Erwärmung. Die Aussicht vom Portjoch zwingt zu einer längeren Pause. Der erste Blick nach Südtirol tut sich auf, und zum Greifen nahe sind Olperer und Gefrorene Wand. Tief unten, zwischen goldgelben Lärchen sehen wir noch einmal den romantischen Obernberger See. Der Weiterweg sieht — zurückhaltend ausgedrückt — erstaunlich aus. Der schmale Steig führt nun unmißver­ständlich nach rechts in eine abschüssige und grausig schrofige Steil­flanke, welche durch einige wilde Schluchten auch nicht gerade an Lieblichkeit gewinnt. In den nächsten Stunden folgen wir diesem Steig durch eine gewaltige, fast schon umwerfende Landschaft. Aber Vor­sicht, das „umwerfend“ sollte auf keinen Fall wörtlich genommen werden. Stolpern oder Ausrutschen ist auf dem Pflerscher Höhenweg nicht überall und ohne ernste Folgen angebracht. Der Weg ist gut ausgebaut und für trittsichere Wanderer auch breit genug. Zum Schau­en und Fotografieren aber gilt: unbedingt stehenbleiben. Von den fast senkrechten Schrofenabbrüchen am Wegesrand bis zu den Häusern im Pflerschtal wäre es ein weiter Flug. An den Nervenkitzel durch die Ausgesetztheit des Weges haben wir uns bald gewöhnt. Die wilde Landschaft begeistert restlos. Von einem Grasbalkon führt das Steig­lein zu einem Minicañon wie aus einem Wildwestfilm. Über Fels- und Grasbänder und durch Schuttrinnen erreichen wir einen Sattel und stehen tief beeindruckt vor den Felsburgen der beiden Tribulaune. Ihr Anblick erinnert sehr stark an eine Dolomitenlandschaft, obwohl die Tribulaune noch zu den südlichen Stubaier Alpen gehören. Das Ge­lände wird nun sanfter, duftende Rasenpolster, aufgewärmt von der Sonne, verlocken immer wieder zum Rasten. Und so erreichen wir erst kurz vor Sonnenuntergang die malerisch gelegene italienische Tribu­launhütte am Sandessee. In eiskaltem, dunklem Wasser spiegeln sich die einsame Hütte und der mächtige Felsturm des Pflerscher Tribu­laun. Nicht nur die Umgebung der Hütte, auch ihr Innenleben — vor allem der gemütliche und saubere Winterraum — begeistern uns und sind ein würdiger Abschluß eines an Höhepunkten reichen Tages. Bald knistert das Feuer im Kanonenofen, und aus dem Inhalt der Brotzeitdosen wird ein „kaltes Buffet à la Tribulaun“ gezaubert. Im Nu wird die Hütte zu einer warmen und behaglichen Höhle in der eisigen Herbstnacht. Nachdem jeder den funkelnden Sternenhimmel bewundert hat, wird noch einmal aufgestiegen ; über eine Leiter zum Matratzenlager unter dem Dach. Schon früh am nächsten Morgen und nicht ohne Bedauern müssen wir die freundliche Unterkunft verlassen. Die Tage im Herbst sind kurz. Über das nahe Sandesjoch wandern wir in einem weiten Bogen auf die schattige Nordseite der Tribulaune und zur verschlossenen österreichischen Tribulaunhütte. Der wolkenlose Himmel läßt keine andere Wahl. Wenigstens dem leicht ersteigbaren Gschnitzer Tribulaun wollen wir auf sein breites Dach steigen. Schnell ist das überflüssige Gepäck hinter einem Fels­klotz versteckt, und über endlose und steile Serpentinen schrauben wir uns durch das enge Kar zur Schneetalscharte. Erstaunlich, mit wieviel Schutt ein aus der Ferne so kompakt aussehender Berg doch um sich werfen kann. Nur an einem kurzen Steilabsatz zeigt uns der Tribulaun sein felsiges Innenleben. Das Gipfelfeld ist ein einziger Geröllhaufen. Derartige Schönheitsfehler können aber bei der begeisternden Fernsicht vom Gipfel großzügigst verziehen werden. Außerdem verhilft das vielgeschmähte Geröll später zu einer rasanten Abfahrt durch das steile Kar. Es ist schon später Nachmittag, als wir den letzten Aufstieg zum Gstreinjöchl hinter uns bringen. Noch einmal zeigt die Sonne, daß sie auch jetzt noch in der Lage ist, einen wehrlosen Wanderer ganz schön ins Schwitzen zu bringen. Vom Brotzeitplatz am Joch schauen wir 1300 Höhenmeter hinab ins Tal von Obernberg. Mit gemischten Gefühlen begutachten wir den langen Abstiegsweg. Trotzdem fällt es schwer, den sonnigen Logenplatz zu verlassen. Die Berge am Horizont leuchten im milden Herbstlicht. Mit grauen Fingern greift der Nebel in die Täler. Ob die Wolken im Westen den ersten Schnee bringen werden? Vielleicht ist hier in einer Woche schon alles tief verschneit. Rundum zufrieden über unsere stille Abschiedstour steigen wir langsam ab von den lichtüber­fluteten Höhen in den kalten Schatten des Tales cannabis anbau.

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