Rafting auf dem wilden Katun Fluss – Sibirien

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Ein kalter Wind weht, als Peter Wilfart und ich aus dem Hubschrauber steigen. Um so herzlicher ist der Empfang der russischen Bergfreunde, welche das Lager am Akemsee betreuen. Josif Dopkin, ein Bauingenieur aus No­vosibirsk, leitet es. Er war schon zweimal im Westen und schwärmt gleich bei unserer Ankunft vom Skilaufen in Kitz­bühel und vom Münchner Oktoberfest. Der See liegt wunderbar auf 2000 Meter, direkt am Fuße des Belucha, des mit 4506 Metern höchsten Berges des Altai. Auf dem Weltatlas betrachtet, nimmt sich dieses Gebirge gegenüber den gro­ßen Weltbergen eher bescheiden aus. Aber seine geografische Lage ist einma­lig, denn es befindet sich im tiefsten In­landspunkt der Welt, fast 3000 Kilome­ter von der nächsten Küste entfernt. China und die Mongolei grenzen dort geheimnisvoll an die UdSSR.

Seit Jahren werden hier russische Berg­führer ausgebildet. Sie kommen aus al­len Teilen des Landes. Der Lagerarzt aus Minsk, Wildwasserfahrer Slavo aus Bar­naul, Anatolj, der Skitrainer, aus Mos­kau. Studentinnen aus Novosibirsk ver­sorgen die Küche. Ihre Kochkünste sind beachtlich. Damit könnten sie sich in je­dem Alpengasthof sehen lassen.

Die Altaiberge sind Berge der Blumen, und all die Moose, Flechten und Gräser, welche die spröde Schönheit Sibiriens bestimmen, finden sich hier auf engstem Raum. In den Regionen um 2000 Meter blühen vor allem Eisenhut und Ritter­sporn. Die Ufer der Wildbäche sind bestickt mit Tausenden von Edelweiß­blüten. Steigt man höher, sind auf 3000 Meter die Matten immer noch blumen­übersät.

Wir haben Zeit. Der Hubschrauber für die Wildwassererkundungen ist erst wie­der in einer Woche verfügbar. Darum entschließen wir uns, mit den russischen Bergfreunden den Aka Juk zu besteigen. 3660 Meter hoch ist sein Gipfel. Eine 700 Meter hohe Eiswand verspricht ein tolles Bergerlebnis. Peter und ich haben uns nicht auf Eistouren eingestellt, sondern mehr auf Wildwasser. Aber die Gelegen­heit, den Aka Juk zu besteigen, wollen wir uns nicht entgehen lassen. Steigei­sen, Seil und Pickel können wir uns von den russischen Bergsteigern ausleihen. Trotz aufziehendem Sturm und Schnee­treiben erreichen wir problemlos den Gipfel. Oben bläst es gewaltig, so daß wir uns fast nicht aufrecht halten kön­nen. Also gleich wieder in die geschützte Steilflanke hinunter. Trotz des misera­blen Wetters, eine schöne Tour. Der Sturm jagt bleigraue Wolken über den Himmel und gibt zwischendurch immer wieder den Blick zum riesigen Massiv des Belucha frei.

In der letzten Phase des Abstiegs, als wir uns bereits vom Seil gelöst haben, kommt es für mich beinahe zur Kata­strophe. Einen kleinen, harmlosen Ab­rutscher kann ich nicht mehr bremsen, weil mir ein Steigeisenriemen reißt. Ich denke mir nichts dabei, denn es ist nicht steil, und 30 Meter tiefer befindet sich ein kleines Plateau. Doch ich bekomme so viel ,,Fahrt“, daß es mich über das Plateau trägt. Ich versuche mit dem Pickel zu bremsen, trotzdem rutsche ich im Zeitlupentempo über das Plateau. Nun nimmt alles seinen Lauf. Es geht eine 50° steile Eisrinne hinunter, ich habe nicht die geringste Chance, noch zum Halten zu kommen. Es wirbelt mich durch die Luft, in Abständen schlage ich auf. Eigenartigerweise bleibt der Kopf, das Denkvermögen, ganz ruhig. Da ist eine innere Instanz, die unbeteiligt be­obachtet. Mir ist klar, das ist das Ende. Ich habe das Gefühl, gleich werde ich neben mir stehen. Dann bremsen einige Felsen im Eis meinen Fall. Mit zer­schmetterter Schulter bleibe ich nach 150 Metern hängen. Damit ist der Traum von Wildwasserfahrten in Sibirien aus­geträumt. Notdürftig versorgt bringt uns der Hubschrauber drei Tage später nach Bijsk. Dabei fliegen wir das Katuntal hinaus. Zweimal setzt er Peter mit dem XR-Trekking-Boot und einem russi­schen Begleiter ab. So kann Peter wenig­stens ein paar Eindrücke vom Fluß sam­meln. Wir beide kamen auf Einladung von Intourist in Moskau hierher, um im Altaigebirge Wildwassertouren zu er­kunden.

Peter ist begeistert. Trotz meiner Schmerzen ergeht es mir ebenso. Diese Flußlandschaft mit kurzen, herrlichen Klammstücken, schnellem Wasser und beschaulichen Waldschluchten ist schon etwas Besonderes! Darum bin ich ein Jahr später wieder hier. Meine Schulter und die anderen Blessuren sind völlig ausgeheilt.

Mit drei Mammutschlauchbooten und einer kleinen Gruppe Wildwasserbegei­sterten lagern wir am Katun. Sport-Scheck hat die Reise organisiert. Wir sind nicht allein hier. Eine Gruppe Ame­rikaner von der Ostküste will für Natio­nal Geographic eine Story schreiben. Die anderen sind Profi-Rafter aus Kali­fornien, die sich für spätere Gruppen­fahrten umsehen wollen.

Bis wir endlich startklar sind, ist es Mittag. Dann geht der Traum in Erfül­lung — einmal in Sibirien Wildwasser zu fahren. Der Katun entspringt in 1900 Meter Höhe aus den Gletschern des Belucha. In einem fast 200-Kilometer­Zirkel umrundet er das gewaltige Mas­siv.

Mit einem Kajak könnte man ihn unmit­telbar vom Gletscher befahren. Für ein Schlauchboot reicht das Wasser erst fünf Kilometer unterhalb. Frühlingsgrün leuchtende Hänge, von einzelnen Lär­chengruppen durchsetzt, bestimmen an­fangs die Landschaft.

Dann ein etwa 20 Kilometer langes Hochtal, in dem der Katun träge mäan­dert. Die ersten 150 Kilometer ist das Tal unbesiedelt. Im kurzen Sommer ziehen jedoch Hirtennomaden den Katun hoch. Ihre sauberen Jurten stehen nicht weit vom Fluß. Eine Welt ohne Autos und Technik. Sie züchten Pferde, und die Männer weiden sie tagsüber in den Sei­tentälern. Es sind freundliche, aufge­schlossene Menschen mongolischer Ab­stammung. Wir werden köstlich bewir­tet. Schmalznudeln mit süßem Ziegen­rahm. Das Fett schmeckt weder ranzig noch der Rahm nach Ziegen. Alles frisch wie aus der Konditorei. Wir haben den Eindruck, diese Menschen hier vermis­sen nichts.

Später nehmen uns wieder einsame Schluchten auf. Fels und Wald säumen die Ufer. Lustige Schwälle lassen keine Langeweile aufkommen. Fünf klammar­tige Engstellen gibt es auf dem Katun, von den Russen „Backen“ genannt. Hier steigert sich der Katun bis zum Schwie­rigkeitsgrad IV. In einer dieser Backen passiert es dann auch. Unsere Experten sind sich über die Route nicht ganz einig. Die schnelle Strömung verlangt jedoch rasches Handeln. Zu spät, ihr Boot wird gegen die linke Felswand gedrückt und kentert blitzschnell. Die ganze Mann­schaft schwimmt. Zum Glück findet je­der eine geeignete kleine Bucht, in die er sich hineinretten kann. Auch das Boot und die Paddel finden sich bald wieder. Die Nächte am Katun sind kalt. Nebel und Rauhreif lösen sich in der Morgen­sonne nur zögernd auf. Zum Frühstück gibt es indischen Pulverkaffee oder Tee und — wie könnte es in Rußland anders sein — aufs Brot Kaviar, je nach Ge­schmack rot oder schwarz.

So vergehen die Tage. Manch schöner Lagerplatz lockt zum Verbleib. Aber mehr noch locken der Fluß, der ständige Wechsel der Landschaft, die neugierige Frage, was wird sich hinter der nächsten Kur­ve auftun. Wildwasserfahren ist in Sibirien nicht unbe­kannt. Wir begegnen auf dem Katun wiederholt russischen Paddlern. Ihre Boote sind wahre Prachtstücke, alles Eigenbau. Zwei etwa fünf Meter lange, aufblasbare Schwimmer sind mit primiti­vem Holzgerüst zu einem Ka­tamaran verbunden. Vier Mann knien paddelnd dar­auf. Das Gepäck ist halbwegs wasserdicht in Müllsäcken verstaut. Es sind harte Bur­schen, die hier fahren. Sie zeigen uns Fotos, auf denen sie im schwersten Wildwasser zu sehen sind.

Uns verbindet vieles, die ge­meinsame Freude am Was­ser, am Boot, an der Natur. Einmal fahren wir einen gan­zen Tag lang durch toten Wald. War die Ursache ein riesiger Waldbrand? Es sieht fast danach aus. Die Bäume sind schon stark verwittert und heben sich fast gespen­stisch gegen das leuchtende Grün der Gräser und Moose ab. Nach 150 Kilometern die erste primitive Brücke und ein kleines Dorf. Es sieht recht romantisch aus mit sei­nen einfachen Blockhäusern. Wir hätten viel darum gege­ben, es besuchen zu dürfen, doch es wird uns nicht er­laubt. Dann öffnet sich die Hochebene von Ust Koksa, das Ziel unserer Flußfahrt. 200 Kilometer durften wir den Katun auf seiner weiten Reise durch Sibirien beglei­ten. Aber was ist das schon bei einem Fluß von 4000 Ki­lometern Länge. Für uns ist es trotzdem viel. „Sibirien — das schlafende Land“, wie es die ewenkischen Ureinwoh­ner bezeichnen, hat unser Herz berührt.

Der Hubschrauber bringt uns wieder zum Akemsee zurück. Wir haben noch fünf Tage Zeit. Wenn es mit dem Wetter klappt, dann könnten wir den Belucha besteigen. Und wir haben Glück. Es werden Bil­derbuchtage, und selbst Heinz Hüttl, unser umsichti­ger Bergführer, der schon viel in den Weltbergen unterwegs war, hat kaum Schöneres er­lebt. Es gibt Tage, da stimmt einfach alles, das Wetter, die Tour, die Kameraden. Un­vergeßlich die funkelnde Eis­welt der Gipfelregion, der weite Blick hinüber in die verbotenen Gebiete der Mon­golei und Chinas. Die Wüste Gobi ist nicht mehr fern. Un­vergeßlich aber auch die Freundschaft mit den russi­schen Bergkameraden. Das Wesentliche, das wir mit nach Hause nehmen, sind Er­innerungen — Erinnerungen an ein großes Land weit hin­ter dem Ural, in dem wir Freunde gefunden haben!

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