Osttirol – Im Zentrum von Osttirol

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Osttirol war nach der Annektierung Südtirols fast ein hal­bes Jahrhundert von den großen Verkehrsadern abge­trennt. Erst der Bau des Felbertauerntunnels brachte diesem an Naturwundern so reichen Land die Besucher und Bewunderer. Doch dieser lange Dornröschenschlaf, der die stillen Dörfer und Täler zwar vor den schlimmsten Auswüchsen des Erschließungsbooms bewahrte, ist auch heute noch nicht ganz ausgeträumt. Nirgendwo in Tirol finden sich so viele alte Bauernhäuser wie in den Seitentälern der Isel. In keinem Land Österreichs rauschen wilde, urgewaltige Bergwasser so wie hier — und es gibt nur wenige Landschaften im großen Alpenbogen, die eine solche Vielfalt an bäuerlicher Kultur, an Gesteinsfor­mationen, an Tälern, Schluchten, Wasserfällen, an Gletschern und Bergen besitzen: im Süden die Kalkmauern der Lienzer Dolomiten, im Osten die gemütlichen Schuttkegel der Scho­bergruppe, westlich der Isel die stillen, ja tiefeinsamen Berge ums Defereggental mit der Lasörlinggruppe und im Norden die höchsten Gipfel Österreichs, mit dem Großvenediger und dem Großglockner. Und dies alles auf kleinstem Raum, mit Straßen und Wegen ausreichend erschlossen, mit gutgeführten Gasthö­fen und Hütten, die teils auf eine lange Tradition zurückblicken können und zu denen sich in den vergangenen Jahren eine Reihe neuer gesellte. Diese Urlaubslandschaft der kurzen Wege zu den unterschiedlichsten Zielen läßt keine Wünsche offen: Wer wandern will, den begeistern im Talbereich und auf den Hüttenwegen Katarakte und Wasserfälle. So im Innergschlöß am Tauernbach, vor allem aber im Virgental auf dem Wasser­schaupfad von der Pebellalm zur Clarahütte, neben den schäu­menden Wassermassen der jungen Isel, den großartigsten Was­serfällen Österreichs. Osttirol ist das Land der Höhenwege. Diese ideenreich angelegten und gutmarkierten Steige führen ohne große Höhenunterschiede den Bergflanken entlang von Hütte zu Hütte und vermitteln einen hinreißenden und umfas­senden Eindruck dieser Täler und Berge. Ausgangspunkte sind das Innergschlöß zum St. Pöltner Weg, das Virgental für den Venedigerhöhenweg, den Prägratner Höhenweg und den lan­gen Lasörlingweg, der die ganze südliche Talflanke von Virgen begleitet. Den Kletterern gehören die Lienzer Dolomiten und den Hochtouristen die vergletscherten Gipfel der Venediger­gruppe.

Touren mit langen Anstiegen zu hochliegenden Hütten, wie dem Defreggerhaus, 2962 m, unter dem Venediger oder der Bonn/Matreier-Hütte, 2750 m, zu Füßen des Eicham. An den Ausgangspunkten zu den hohen Bergen stehen seit langer Zeit die Hütten des Alpenvereins, dessen Sektionen über Jahrzehnte eine maßvolle und behutsame Erschließung brachten und viele Verbindungen zur einheimischen Bevölkerung schufen. In den vergangenen Jahren entstanden allein im Virgental fünf neue Hütten, die sich ideal ins ausgedehnte Wegenetz einfügen. Sie wurden gebaut von jungen aktiven Osttirolern, die diese Unter­künfte in vorbildlicher Weise führen.

Osttirol kann Ziel eines ganzen Bergsteigerlebens sein, ist Er­lebnis zu allen Jahreszeiten — im Bereich seiner blumigen Wie­sen wie oben am ewigen Eis. Was soll man dem antworten, der einen fragt, wo es denn nun am schönsten ist in diesem Teil der Alpen? Man könnte ihn ins Innergeschlöß schicken und hätte sicher einen begeisterten Freund gewonnen. Man könnte ihn, vorausgesetzt die Kondi­tion spielt mit, auch unter kundiger Führung auf den Großve­nediger steigen lassen. Man könnte aber ebensogut eine Wan­derung im Talgrund des Defereggentals vorschlagen. Und selbst wer all diese Kontraste gesehen und erlebt hat, tut sich schwer, wenn er sie gewichten soll.

Es gibt nur eine Ausnahme, die jede Diskussion erübrigt. Wer den Lasörlinghöhenweg durchschritten hat, hat fast alles gese­hen und zugleich vom schönsten Punkt aus. Es mag wie Eupho­rie klingen, wie so mancher Superlativ, mit dem Autoren „ihre“ Ziele vermitteln. Doch hier kommt die Begeisterung von innen heraus, beinhaltet den Wunsch, auch andere zu verleiten, tage­lang hoch über dem Virgental dahinzuwandern. Und die Begei­sterung über diese alpine Landschaft beginnt schon drunten im Tal.

Kein Lift, keine in den Bergwald gehauenen Schneisen, keine monströsen Betonbauten, keine Schnellstraßen, nichts von dem, was anderenorts Alpentäler inzwischen städtischer als Städte aussehen läßt, findet sich hier.

Das Wort vom sanften Tourismus bekommt plötzlich Gehalt. Der Fremde als Tourist ist gern gesehen. Nicht nur weil er die Devisen bringt, sondern weil die Einwohner dieses Tales sich ihre ursprüngliche Freundlichkeit und Aufgeschlossenheit be­wahrt haben. Eine Freundlichkeit freilich, die da aufhört, wo der Gast beginnt, Ansprüche an den Komfort zu stellen. An den unangepaßten Komfort versteht sich. Gasthöfe, Pensionen und Hotels sind ebenso wie die landestypische und gute Küche Selbstverständlichkeiten. Mangel dagegen herrscht an Freizeiteinrichtungen, die in den Bergen so sinnvoll sind wie eine Schnorchelbrille in der Sahara. Discofans, Wasserparkfanatiker, Nachtschwärmer, Golfer, Surfer werden nicht fündig. Bergfreunde dagegen finden ein regelrechtes Schlaraffenland. Auf 20 Kilometer Luftlinie ist das in exakt Ostwestrichtung verlaufende Tal von bis zu 3000 Meter hohen Bergketten gesäumt. Der Talschluß selbst steigt an bis in die Regionen des ewigen Eises. Eine Vielzahl von hervorragend gepflegten Wegen erschließt diese alpine Welt jedem, der ge­willt ist, aus eigener Kraft in die Höhe zu steigen. Zumindest einmal, denn dann hat man die Möglichkeit, auf eben diesem Höhenweg mit nur geringen Gegenanstiegen 1000 Meter über dem Tal tagelang zu wandern.

Der vielfach gewundene Verlauf der roten Markierungslinie auf der Karte entpuppt sich beim näheren Hinsehen als eine ausgetüftelte Wegführung, die stets bemüht ist, nur ja keinen Meter der kostbaren Höhe zu verlieren. Und verfolgt man die logische Linie des Bergkamms nach Osten hin weiter, so kommt man nach der kurzen Unterbrechung durch das Tauerntal nach Kals am Großglockner. Dort beginnt der Europapanorama-weg, und dort beginnt auch unsere Wanderung.

Das heißt, genauer gesagt beginnt sie bereits in Matrei, wo wir vom Auto in den Bus umsteigen. Da wir bereits in den späten Vormittagsstunden im Dorfertal eintreffen und der Tag selbst das schönste Bilderbuchwetter noch übertrifft, zögern wir nicht lange, sondern schweben mit dem Sessellift 600 Meter hinauf mitten hinein in eine grandiose Szenerie. Zum Greifen nah scheinen die wuchtigen Gletscher, die sich von den Südabstür­zen des Großglockners bedrohlich auf das Tal zuschieben. Völ­lig den Horizont beherrschend, baut sich die kilometerlange Kette aus Eis und Fels vor den Augen auf.

Nur 300 Meter gemächlicher Aufstieg sind es bis zum Joch, wo der Blick nach Westen hin frei wird auf die Ziele der nächsten  Tage. Mindestens zwei Stunden sitzen wir hier oben auf der Terrasse des Matreier-Törl-Hauses bei Speck und Bier, lassen uns den warmen Wind durch die Haare wehen und genießen die Aussicht von Horizont zu Horizont, von Eisbergen zu Eis­bergen. Rund 60 Dreitausender sollen es sein, die von diesem Aussichtsbalkon sichtbar sind.

Da der Wirt vor dem Abstieg, der ausgerechnet über die einzige Skipiste weit und breit führt, warnt, sputen wir uns, um den letzten Lift zu erreichen, der diese unerfreuliche Stocherei in einer vergewaltigten Natur erspart. Wie wir dann abends im Gespräch mit anderen Bergfreunden erfahren, gibt es direkt von der Hütte aus einen zwar steilen, aber landschaftlich herrli­chen Abstieg direkt nach Matrei.

Noch einmal überpüfen wir gewissenhaft unsere Ausrüstung für die nächsten drei Tage. So lange braucht auch ein ausdau­ernder Wanderer für den Höhenweg auf der Talsüdseite. Doch keine Angst, allzu groß und schwer wird der Rucksack nicht. Eine spezielle alpine Ausrüstung ist nicht nötig, und die Ver­pflegung auf den Hütten läßt keine Wünsche offen. Ja der Komfort geht sogar so weit, daß ein Taxibus bis zur Zunigalm über eine vielfach gewundene Forststraße hinaufkriecht. Wer jetzt über diesen Naturfrevel innerlich das Schimpfen beginnt. sollte sich einmal die vielen hundert von Privatautos beherrsch­ten Straßen anderer Orte vor Augen halten. Uns erspart es die ersten Schweißtropfen. Mit noch einem Vorteil. Man ist sofort über der Baumgrenze und genießt den freien Blick. Wie die Entscheidung über den Weiterweg ausfällt, hängt von Lust. Laune und Wetter ab. Der eigentliche direkte Wegverlauf führt vorwiegend dem Hangprofil folgend mit etwa 400 Metern Stei­gung zur Wetterkreuzalm. Wegen der Wolken, die bereits die ersten Gipfel einhüllen, starten wir zu dieser Variante. Weit schöner, aber auch anstrengender ist der „Umweg“ über die Arnitzscharte mit einem herrlichen Blick ins Defereggental. Fast schon eine Gewalttour ist der weite Bogen über die Zunig­scharte mit Abstecher zum gleichnamigen Gipfel und der Wei­terweg zur Wetterkreuzalm. Auch konditionsstarke Marschie­rer sind hier gut sieben Stunden unterwegs.

Ja selbst unser Weg, der sich beschaulich durch lichten Wald und über Almwiesen windet, nimmt 3,5 Stunden in Anspruch. Sicher, es ginge schneller, aber für Sprinter gibt es besseres Terrain.

Allzu lang braucht die Rast nicht zu sein, denn spätestens eine halbe Stunde entfernt wird jeder sowieso zur Pause gezwungen. Schlagartig, nach einem scharfen Linksknick weitet sich der Horizont und gibt den Blick frei auf den eisbedeckten mächti­gen Dreizack des Großvenedigers. Fast 20 Kilometer ist der höchste Berg Osttirols entfernt, der ganz nebenbei auch einer der höchsten Österreichs ist. Nur, wird der sagen, der ihn heim­lich als Traumziel anvisiert. So viel, mag der denken, der ehr­fürchtig in die fremde Welt aus Kälte und Eis blickt. Niemand jedoch wird sich der Faszination entziehen können, die von dem eindrucksvollen Talabschluß ausgeht. Von einem Talab­schluß, der von mehr als einem Autor als der schönste der Ostalpen bezeichnet wird. Uns wird der Anblick des Großvene­diger für ein langes Wegstück begleiten. Und er wird dabei nie eintönig oder langweilig werden, sondern durch ständig wech­selnde Gesichter immer wieder neue Spannung erzeugen. Die erste völlig neue Ansicht können wir schon eine Stunde später im spiegelglatten, kristallklaren Wasser der Zupalsee­hütte bewundern. Das Weißbier, das wir uns gönnen, müssen wir allerdings bitter bereuen. Was nämlich aus der etwas unge­nauen Karte nicht so ganz hervorgeht ist die Tatsache, daß der Anstieg über die Merschenhöhe vorbei am Kosachkofl und der steile Abstieg zur Lasörlinghütte ganz gehörig in die Beine gehen. Besonders wenn die Sonne schon lange Schatten wirft und der Wandertag sich dem Ende neigt. Die Hütte selbst bietet dann aber sowohl den müden Gliedern die wohlverdiente Ruhe wie dem Auge ein ungewöhnliches Erlebnis. Futuristisch, ohne unpassend zu sein, wirkt der eigentliche Bau der Hütte, die nur im Inneren und auch dort nur an wenigen Stellen einen rechten Winkel besitzt. Völlig geradlinig dagegen ist die Freundlichkeit der Wirtsleute. Und die Leberknödel sind Spitzenklasse. Sie werden nur noch von der Aussicht vom Gipfel des Lasörling übertroffen. Die letzten Meter im steilen Geröll sind mörde­risch. Besonders wenn man sich am Morgen zu viel Zeit läßt und jetzt die Kraft der Sonne voll erdulden muß. Doch das Panorama, das sich schlagartig mit dem letzten Schritt zum Gipfelkreuz auftut, läßt jede Mühe in Windeseile verblassen. Mit Worten ist die eisige Arena, die sich weiter in einem Bogen nach Norden spannt, als es auf einen Blick zu erfassen ist, kaum zu beschreiben. Welch Erlebnis, fast zwei Kilometer über eng eingeschnittenen Tälern zu sitzen und das Auge langsam vom Bachgrund über die schmutziggraue Gletscherzunge bis nach oben ins blendende Weiß, nur durchbrochen vom grünlich schimmernden Eis, wandern zu lassen. Was für ein Gefühl für die eigene Leistung überkommt einen, wenn man zum Groß­glockner zurückblickt, in dessen unmittelbarer Nähe man vor erst zwei Tagen noch stand und der jetzt zu einem kleinen hellen Fleck am Himmel zusammenschrumpft. Es verwundert uns keinen Augenblick, als ein Einheimischer aus dem Defe­reggental uns sagt, daß er schon über 100mal hier oben stand und, wenn es der Herr erlaubt, wohl noch 100mal heraufsteigt. Die sieben Stunden Aufstieg erwähnt er mit keiner Silbe.

Den Entschluß, direkt über den Südwestgrat zum Höhenweg zurückzukehren, sollte nur der fällen, der wirklich im Gelände zu Hause ist und sich auskennt Im steilen Gelände versteht sich und im teils brüchigen dazu. Klettertechnisch gesehen sind die Schwierigkeiten zwar gering, aber ein Ausrutscher hätte katastrophale Folgen. Für weniger Erfahrene ist der Rückweg bis zum Grund des Kars ratsam, wo man wieder auf den markierten Weg trifft. Der nächste Höhepunkt kommt ganz weit unten. Kleinbachboden heißt die wenig at­traktive Bezeichnung für ein zauberhaftes alpines Biotop.

Mit geringstem Gefälle mäandriert ein kla­rer Bach durch den weiten Almboden und bringt eine sonst kaum noch anzutreffende Artenvielfalt an Pflanzen und Kleinlebe­wesen hervor. Doch allzu lange sollte man nicht verweilen, da bis zum Abstieg zur Reichenbergerhütte noch ein kräftiger Aufschwung genommen ;werden will. Die knapp 300 Meter durch die Rote Lenke treiben noch einmal den Schweiß auf die Stirn, bevor es mit schnellen Schritten zum schon weithin sichtbaren Etappenziel geht. Hier endet der Lasörlinghöhenweg. Aber nur um den Namen für den Weiterweg frei zu machen. Der Rudi-Thamm-Weg steht an landschaftlicher Großartigkeit seinem hohen Bruder in nichts nach.

Der Abstieg über die Daberlenke zurück ins Virgental führt in eine wilde Welt, die mit ihren tiefen Schluchten und den brausenden Wassermassen auch auf dem guten Weg fast ein wenig schwindlig macht. Bis spät in den Vormittag hinein beherrschen schwarze Schatten die Szenerie. So steil fallen die Flanken an manchen Stellen ab, daß das Auge Mühe hat, einen Halt zu finden. Respekt muß jeder den kühnen Wegbauern zollen, die es gewagt und geschafft haben, einen sicheren Steig durch die Urwelt zu legen. Und kaum ist man mit zittrigen Knien vom steilen Abstieg dem Schlund entronnen, stolpert man gerade­wegs ins nächste Naturschauspiel. Die Umbalfälle der Isel sind so einzigartig, daß selbst die stets auf neue Quellen bedachte österreichische Energiewirtschaft vor dem Protest der Alpen­vereine und der Bevölkerung zurückweichen mußte. Über Jahr­zehnte hinweg ging der Streit darum, ob das Wasser der Isel in den geplanten Großspeicher im Dorfertal abgeleitet wird. Für Touristen wäre dann für zwei Stunden pro Tag das Wasser gelaufen. Natur auf Knopfdruck, pervers! Ungebändigt stür­zen die Wassermassen unter tosendem Lärmen über riesige Felsstufen hinab. Bis auf den Schaupfad wirbelt der Wind die Gischt. Ehrfürchtig bleiben die meisten Besucher sogar noch ein Stück weit von den soliden Geländern zurück. Die Warn­schilder vor dem Verlassen des Weges scheinen auf den ersten Blick unbegründet. Auch uns, die wir schon weit in den Bergen herumgekommen sind, verschlägt es die Sprache im Antlitz dieser Naturgewalten. Erst als wir uns auf der Pebellalm, um­rahmt vom dumpfen Hintergrundrauschen des stürzenden Wassers, über die Palatschinken hermachen, wird uns bewußt. daß wir in den letzten vier Tagen einen Streifzug durch die alpine Landschaft erlebt haben, wie er selten geworden ist, wenn er nicht sogar schon ganz verschwunden ist.

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