Odyssee in den Bergen Kretas

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Die zerklüftete Bergwelt im Südwesten von Kreta ist bezau­bernd schön, aber sie hat auch ihre Tücken. Detlev Henschel berichtet über seinen Gewaltmarsch von Paleochora nach Agia Roume­li, den er zusammen mit einem Freund machte.

Paleochora ist eine kleine Ortschaft an der Südwestküste Kretas. Hier soll unsere Expedition beginnen.

Wir wollen an der Steilküste entlang über Souja nach Agia Roumeli wandern. Vor fast genau zwei Jahren habe ich die­se Wanderung schon einmal versucht, und wäre fast verdurstet dabei. Das ist auch der Grund, warum die Einheimi­schen jedem die Tour auszureden versu­chen. Nikos, der Schuster von Paleocho­ra, gab mir die Beschreibung des Weges, den er sehr gut kennt. Einst war der Pfad eine richtige Straße, die die Orte Agia Roumeli, Pikilassos, Souja, Lissos und Paleochora verband.

Die Berge sehen von der Küste aus auch im Blühmonat April recht kahl aus. Um so mehr staunen wir, als wir aus der Nähe die verschwenderische Vielfalt der kretischen Flora betrachten. Anfangs wird die Straße von einem Bach beglei­tet, weiter oben dann geht es durch Olivenhaine, Weinberge und Wiesen, auf denen der Frühling in seiner ganzen überschwenglichen Schönheit glänzt. Unser erstes Etappenziel ist ein Plateau, das wir am Abend völlig ausgemergelt von der Sonne erreichen. Hier bauen wir unser erstes Lager auf und behandeln unsere Wehwehchen: Jimmi hat sich die Kniekehlen verbrannt und ich die Nase. Die Nacht ist sehr warm und so sitzen wir noch stundenlang am Lagerfeuer und diskutieren über den Weitermarsch, denn bis jetzt ist es mehr ein Spaziergang gewesen. Am nächsten Tag ist Souja unser Ziel. In dem 57-Einwohner-Dorf mit seinen zwei Restaurants und seinem Strand erholen wir uns zwei Tage und kurieren den Sonnenbrand aus.

Von einem ansässigen deutschen Pär­chen gewarnt, ziehen Jimmi und ich am Morgen des dritten Tages los. Das heuti­ge Ziel ist Pikilassos, eine jahrhunderte­alte Festung auf einer ca. 600 Meter ho­hen Klippe über dem Meer. Von Souja aus ist sie gut zu sehen. Anfangs geht es einen bewaldeten Hang hinauf, auf dem ich unzählige Orchideen entdecke. Das Frustrierende an diesem Morgen ist, daß wir uns gleich total verlaufen. Der ganze Vormittag geht mit der Wegsuche drauf, aber bis zur Quelle müssen wir unbe­dingt kommen, denn wir haben unser Wasser bereits verbraucht. Die Hitze ist unerträglich geworden. Kurze Hosen können wir nicht mehr tragen, das Stechginstergestrüpp ist zu dicht. Besser schwitzen als Haut lassen. Nur noch 500 Meter bis zur Quelle — Luftlinie und bergauf.

Mit trockener Zunge und schmerzenden Gliedern stehen wir plötzlich an einem vor zwei Jahren noch nicht dagewesenen Abgrund. Umkehren oder nicht? Ich zucke die Schultern. Ohne Wasser wird es zwar hart, aber wir wollen es wagen. Erst seile ich mich in den Canyon ab, dann folgen die Rucksäcke und Jimmi. Das Gefährliche dabei ist das Geröll­feld, das genau an der oberen Kante des Abgrunds ausläuft. Das geringste Ge­räusch genügt, und Tausende Tonnen Gestein donnern herab. Wir schaffen es ohne Schwierigkeiten. Kletternd über­winden wir noch weitere Felswände, und dann hören wir es plätschern. Ein Rinnsal, bleistiftdünn, quillt aus dem Stein. Wir lassen uns einfach fallen und trinken.

Es ist ein erhebender Ausblick von Piki-lassos hinunter aufs Meer bei Sonnenun­tergang. Hier wollen wir die Nacht ver­bringen. Mit der hereinbrechenden Dunkelheit kommt der Schirokko, der heiße Wüstenwind, der aus Afrika her­überweht. Mein Thermometer zeigt 32 °C, und das um 22 Uhr.

Der Morgen kündigt sich durch ein Rumoren im Bauch an. Durchfall! Der Fluch des Zeus hat uns ereilt. Der Grund dürfte die mangelnde Flüssigkeitszufuhr bei der Hitze sein. Eigentlich wollten wir uns noch zwei Tage Zeit lassen, aber jetzt dürfen wir das nicht mehr riskieren. Noch bevor die Sonne über die Berge kriecht, brechen wir auf. Die letzten zwei Drittel der Tour müssen wir heute noch schaffen.

Die Sonne scheint den ganzen Tag gna­denlos auf uns herab. Wir werden es schaffen, reden wir uns immer wieder ein. Unterwegs treffen wir einen Hirten, der mit einem Karabiner bewaffnet und einer erlegten Wildziege auf den Schul­tern aus einem Berghang kommt. Wir geben ihm zu verstehen, daß wir nach Agia Roumeli wollen. Er nickt anerken­nend. Ja, der Weg ist richtig! Wie lange man braucht, fragen wir. Acht Stunden, wenn man den Weg kennt, läßt er uns wissen.

Trotz der Hitze sind wir guter Laune. Und weder die zersplitterten Felswände zur Linken noch die steil abfallende Küste zur Rechten scheinen uns gefähr­lich. Wir krabbeln über einen steilen Geröllhang. Dann beginnt der nicht gerade vertrauenerweckend aussehende Hohl­weg, der mitten in einer 200 Meter, senkrechten Felswand verläuft. Von oben droht loses Gestein. Der Tritt ist nur zehn bis zwanzig Zentimeter breit. Sicherungsmöglichkeiten gibt es keine. Wenn da einer das Gleichgewicht ver­liert, ist es aus.

Drüben auf der anderen Seite meint Jimmi: „Noch mal so was, und du kannst mich tragen.“ „Keine Ahnung, was heut‘ noch alles kommt, denk lieber an das Bier heute abend in Agia Roume­li“, antworte ich. Wenig später stehen wir vor der vermeintlich letzten gefährli­chen Hürde, ein 150 Meter fast senk­rechter Abbruch, an dem wir uns absei­len.

Danach machen wir eine Pause und trinken heißen Tee mit Traubenzucker. Der Durchfall hat uns mehr geschwächt, als wir angenommen haben. Bis zum Dunkelwerden sind es noch sechs Stun­den, und wir haben drei Fünftel des We­ges hinter uns. Also locker zu schaffen! Weiter geht es am Strand entlang, bis zu dem durch ein Türmchen gekennzeich­neten Einstieg in die Berge. Die Kraxelei wird mörderisch, die Sonne trocknet unsere Körper aus. Alles Überflüssige kramen wir aus unseren Rucksäcken und lassen es zurück. Wir sind vollkom­men erschöpft und haben nur noch drei Liter Wasser. Genug, hinter dem Berg liegt ja Agia Roumeli, so denken wir! Hier haben wir die Unerreichbarkeit des Horizonts kennengelernt. Wir klettern und klettern und erreichen nicht das Ende. Das Wasser ist bald verbraucht, und hinter jedem Gipfel sind eine neue Schlucht und ein neuer Berg. Unsere Kehlen sind spröde, und der Durst ver­setzt uns in Panik. Die Sonne steht bereits tief und hat der Dämmerung Platz gemacht, und unser Ziel ist immer noch nicht in Sicht. Wir sind gereizt und brüllen aufeinander los. Verzweifelt be­schließen wir zu übernachten. Und dann plötzlich ein Lichtblick: Auf der Suche nach einem geeigneten Schlafplatz kommt Jimmi wild gestikulierend ange­rannt. Ich verstehe kein Wort. Unsere Stimmen sind heiser. Jetzt sehe ich es auch. Agia Roumeli liegt etwa 700 Meter unter uns.

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