Island – das juengste Land der Erde

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Das Eiland im Nordmeer ist kein Neckermannland. Wer auf diese Insel fährt, kann Natur im Urzustand erleben, hautnah an heißen Wassern und ungeheuren Gletschern, an der gebirgigen Küste wie in den Weiten der Stein- und Sandwüsten, kann mit eigenen Augen einen Teil der Schöpfung sehen, weil diese Insel noch im Entstehen ist.

Ein wenig Gelassenheit, Gleichmut zum Wetter, Leidensfä­higkeit im Umgang mit Nässe und Kälte sind die wichtigsten Dinge für eine Reise zur sagenumwobenen Insel am Polarkreis. Bergsteiger tun sich da leichter, ihre Ausrüstung ist hier goldrichtig, denn Island ist ein Bergland mit Gipfeln, die über die 2000-Meter-Grenze ragen. Elf Prozent des Landes sind vergletschert. Der größte dieser Gletscher, der Vatnajökull, hat eine Ausdehnung von 8300 Quadratkilometern, eine Fläche, die mehr als das Doppelte aller alpinen Gletscher zusammen mißt. Diese riesenhaften Eisflächen sind Zeugen der starken Niederschläge, die hier das gesamte Jahr über fallen. Das Is­landtief ist ja jedem Mitteleuropäer ein Begriff, und drei Wo­chen Regen können in Island niemanden aufregen, das ist normales Wetter. Dennoch gibt es auch hier die Wetterregeln: Wenn es im Süden regnet, ist es im Norden meist schön, und umgekehrt. Da jeder Regen mit starkem Wind oder gar Sturm kommt, regnet es auch nicht ununterbrochen, sondern es gibt immer wieder Regenpausen mit Sonnenschein. Das sind die Momente für die Fotografen : glasklare Luft, die zarten Farben des nordischen Lichts und endlos Motive, vom Meer, vom Gletschereis, von den Bergen und vor allem von den stürzen­den Wassern. Es folgt ja auch nicht ein Tief dem andern. Der Normalzustand ist eher unser Aprilwetter, und die Is­länder sagen dies mit einem treffenden Satz, wenn sie in die mißmutigen Gesichter ih­rer sonnenverwöhnten Gäste sehen: „Gefällt Ihnen unser Wetter nicht? Dann warten Sie zehn Minuten!“

Diese Witterungsverhältnis­se, das stets frische, meist küh­le Meeresklima und die lan­gen Nächte des Winterhalb­jahres verhindern es zuverläs­sig, daß Island als allgemei­nes Reiseziel entdeckt wird. Die Isländer erwarten sich vom Fremdenverkehr auch nicht viel, denn die dafür er­forderliche Infrastruktur fehlt weitgehend. Es gibt ein paar Busunternehmen, ein halbes Dutzend Autoverleihfirmen, zur Übernachtung die spartanischen „Edda-Hotels“, Internate, die in den zehn Sommerwochen den Reisegruppen zur Verfügung gestellt werden, wenig Zeltplätze. Wer nach Island fährt, muß auch wissen, daß er in weiten Bereichen auf sich selbst gestellt ist. Im Innern des Landes, etwa an der Route der Sprengisan­dur, gibt es keine Tankstelle und keinen Laden. Auch der Ab-schlepp- und Reparaturdienst ist weit, wenngleich in Island gegenseitige Hilfe fast selbstverständlich ist. Charakteristisch für isländische Autos sind die hohen, drei und vier Meter lan­gen Funkantennen, mit denen von jedem Punkt her Hilfe ange­fordert werden kann.

Trotz dieser wilden und ursprünglichen Natur, trotz der Gefahren, die immer wieder von ihr ausgehen, wie Erdbeben, Vul­kanausbrüche und Gletscherläufe, trotz der extremen Tempe­raturen haben sich die Isländer seit über 1000 Jahren auf dieser Insel wohnlich eingerichtet. Fischfang im weiten Meer, Land­wirtschaft an den schmalen Küstenstreifen sind die eher kargen Erwerbsquellen. Mit Fleiß und Zähigkeit haben sich die Nach­fahren der Wikinger auf einen hohen Lebensstandard gebracht und verfügen über die neueste Technik in allen nur denkba­ren Bereichen. Zugute kommt ihnen, daß sie die Erdwärme nutzen können: Über 80 Pro­zent der Häuser werden mit dem heißen Schwefelwasser aus dem Innern der Erde ge­heizt. Hier gibt es die höchste Lebenserwartung: 72 Jahre bei den Männern, 78 Jahre bei den Frauen ; und bis zum Zeit­punkt, an dem das Fernsehen die Insel seuchenartig über­schwemmte, war dieses Volk das belesenste der Welt. Kein Wunder bei den langen Näch­ten, die um Weihnachten 20 Stunden betragen können. In ihrer komplizierten und ural­ten Sprache, die sich in die­sem Jahrtausend kaum verän­derte, können die Isländer ihr ältestes literarisches Dokument, die „Edda“, lesen, eine kunstvolle Sammlung von Preis-. Schmäh- und Liebesliedern aus dem 13. Jahrhundert.

Dem Bergsteiger bringt Island eine ungeheure Fülle an land­schaftlichen Glanzpunkten. Das Nebeneinander von Wüsten, Gletschern, Seen und Flüssen, von Fels- und Eisbergen, die stetige Präsenz des Meeres an endlosen Sandstränden oder zu Füßen hoher Klippen und vor allem die Begegnung mit heißen Wassern, kochender Erde, mit pfeifenden Dämpfen und Schwefelgeruch bilden jenes Gemisch von Vertrautem und Un­bekanntem, das eigentlich erst die Lust bereitet, zu forschen und zu entdecken. Auf dieser erregenden Insel der Gegensätze läßt sich jeden Tag ein neues, noch nie gesehenes Naturwunder erleben, und da ist es auch gleichgültig, ob es regnet oder die strahlenden Cumuli am Himmel segeln.

Wenn das Flugzeug am Airport Keflavik steht, die Formalitä­ten erledigt sind und der Bus nach Reykjavík bestiegen wird, dann ist in den Gesichtern der Islandfahrer schon etwas Erstau­nen zu lesen: So unwirtlich und wüstengleich hatten sie sich ihr Urlaubsland nicht vorgestellt. Nur Moos und Lava ringsum. Doch 50 Kilometer weiter, in der Hauptstadt, ist alles fast wieder normal, nur die Preise nicht. Spürbar wird dies beim Mieten des Leihwagens : drei Mark der Kilometer, Treibstoff extra. Doch dies sind keine Neuigkeiten. Reykjavík verfügt über einen modernen Zeltplatz, daneben das herrliche Freibad mit den verschieden heißen Sitzbecken — Ziel für Schlechtwet­tertage. Doch dann geht es auf die Reise, nach Norden, nach Thingvellir, zur alten Versammlungsstätte am Thingvallavatn, dem größten See Islands. Neben der kleinen, sorgfältig gepfleg­ten Siedlung locken senkrechte Basaltwände zum Klettern, rauscht ein Fluß durch die Allmannagjaschlucht. Moose und Wolfsmilch wachsen auf den Lavafelsen. Nur wenige Kilome­ter östlich locken die Geysire, jene heißen Wasserfontänen, die zum Symbol Islands wurden. Sehenswert, wenngleich auch der größte von ihnen seit langem seine Tätigkeit eingestellt hat. Der kleinere ist dafür um so aktiver: Alle fünf Minuten steigt die Wassersäule unter Zischen zehn Meter in den Himmel. 20 Kilo­meter nordöstlich, an der Hochlandroute Kjölur, ist der gewal­tige Gulfoss zu bewundern. Die Wassermassen der Hvita fallen auf breiten Stufen über 30 Meter in eine enge Schlucht und toben dann in einem herrlichen Cañon talaus. Die Weiterfahrt nach Norden, nach Hveravellir, einem Gebiet heißer Wasser, kann nur mit allradgetriebenen Geländefahrzeugen durchge­führt werden — und da weckt es schon kitzlige Gefühle, wenn das Wasser der zu durchfahrenden Flüsse hin und wieder über das Kühlerblech schwappt. Dort oben, am Rand des Hofjökull, haben sich die Isländer ein kleines Sommerskigebiet eingerich­tet. Daneben, am phantastisch mäandernden Fluß Eyfurding­akvisl, finden sich überall heiße Quellen neben Eis und Schnee, auf den Lavafeldern die tiefschwarzen Obsidiane. Die Fahrt zur zweitgrößten Stadt Islands, nach Akureyri, ist lang und ab­wechslungsreich, ebenso der Weiterweg zum Myvatn, dem Mückensee. Benannt nach den hier lebenden Mücken, die kei­nerlei Blut saugen, doch wie betrunken in Nase, Mund und Augen fliegen. Rings um diesen See gibt es zahlreiche Natur­schauspiele. Direkt an der Straße die wunderbar klaren und warmen Wasser in einer dunklen Schlucht, ein unbeschreibli­cher Badegenuß. Im Osten des Sees stehen die Explosionskra­ter Hverfjall und Burfell, dazwischen liegt das bizarre Felsenreich Dimmuborgir. Jenseits des kleinen Passes Namaskard kommt der Islandreisende erstmals richtig ins Staunen, und ein Schaudern wird wohl jeden erfassen, der im Solfatarenfeld steht, umgeben von blubbernden, röchelnden kleinen Kratern, in denen die Erde kocht und woraus Schwefeldämpfe steigen — der Eingang zum Hades. Nach Norden führt die Straße zu den Anlagen eines geothermischen Kraftwerks an den Hängen der Krafla, 818 m. Sie gewährt einen umfassenden Rundblick. Zu ihren Füßen rauchen die Lavafelder der Spalte Leirhnukshraun. Sie ist 1984 letztmals ausgebrochen und hat mit ihren feurigen Lavaströmen große Flächen bedeckt. Vom Myvatn führt eine Route auch in die Odadahraun, jene Wüste der Missetäter, die für viele Gesetzesbrecher zum Schicksal wurde. Dorthinein wurden sie gejagt, dort waren sie dann vo­gelfrei. In dieser Wüste befindet sich der Götterberg Herdu­breid,1682 m. Dort steht auch der Bergstock der Askja, 1510 m, mit dem oft eisbedeckten Öskjuvatn, einem großen, von Bergen umgebenen See. Und neben diesen eisigen Wassern, in Rufwei­te, liegt der kleine Vitikrater, 1060 m, dessen Grund wunderbar warmes Wasser füllt. Ein Bad in den braunen Schwefelfluten ist ein exzellentes Vergnügen. Den Weg in die Odadahraun beglei­tet der größte Fluß Islands, die Jökulsa a Fjöllum. In der Hols­sandur stürzen diese Fluten, 200 Kubikmeter in der Sekunde, 70 Meter tief in eine riesenhafte Schlucht und bilden mit dem Dettifoss den größten Wasserfall Europas.

Die Fahrt nach Süden durch die Sprengisandur nach Land­mannalaugar zeigt die ganze Größe dieser Insel. Mächtige Schildvulkane, Sand- und Steinwüsten, Schneefelder, Glet­scher und zahllose Wasserläufe. Landmannalaugar ist ein wei­teres Zentrum isländischer Naturwunder: starke heiße Quellen, Berge mit farbigem Gestein, Seen, Flüsse. Die Fahrt dann auf der Route „Hinter den Bergen“ an die südliche Küste, Moos­wüste Eldhraun, der gewaltige Skeidararsandur und schließlich der Jökullsarlon, der Süßwassersee am Meer mit den zahllosen in ihm schwimmenden Eisbergen, bringen eine anhaltende Steigerung an überwältigenden Eindrücken.

Damit sind nur ein paar Glanzpunkte gestreift — in einem Land, das all jene für immer fesselt, denen die große, unbegreifliche Mutter Natur mehr ist als Sehenswürdigkeit und Ausflugsziel. Island ist ein Land fürs Leben.

Eine Reise nach Island ist per Schiff und Flugzeug möglich. Die Flugzeit beträgt zwischen 3 1/2 und 4 Stunden. Die erfah­renste Fluggesellschaft auf dieser Route, die Icelandair, bietet Flüge ab Luxemburg, Frankfurt und Salzburg.

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