Haleakala auf Maui – Im groessten Krater der Welt

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Wie am Tag der Schöpfung

ein eisiger Wind fegt iiber den Kraterrand. Zitternd stehen wir um fünf Uhr morgens in über 3000 Meter Hõhe und warten auf die ersten Sonnenstrahlen. Unter uns gähnt ein riesiges, konturenloses schwarzes Loch: der Haleakala, der größte ruhende Vulkan der Welt.

Um drei Uhr waren wir aus den Betten geklettert und in zwei Stunden von Meereshöhe die 61 Kilometer lange Straße hinauf auf über 3000 Meter gefahren. Keine andere Straße überwindet einen derartigen Höhenunterschied in einer so kurzen Distanz.

Eine halbe Stunde stehen wir, in Decken gehüllt, am Krater und blicken hinüber zum Horizont. Ganz langsam schiebt sich plötzlich der rote Ball hinter den Wolken hervor. Die Sonnenstrahlen tauchen den Krater in ein warmes rotes Licht. Schroffe Lavafelsen werden sichtbar, und dann entdecken wir auch die hellen Streifen unten auf dem Kraterboden. Das sind die schmalen Pfade, auf denen wir quer durch den Krater marschieren wollen.

Der Haleakala auf Maui, einer der acht bewohnten Inseln der Hawaii-Gruppe, ist nicht zu vergleichen mit europäischen Vulkanen wie dem Vesuv oder dem Ätna. Er hat keine Kegelform, sondem ist ein 65 Quadratkilometer großes Kraterbecken mit mehreren Aschekegeln im Innern, von denen der höchste, der Puu o Maui, über 300 Meter hoch ist.

Wir holen unsere Rucksäcke aus dem Auto und machen uns schwerbeladen mit Zelt und Schlafsäcken auf den Weg. Über den Sliding Sands Trail und den Halamauu Trail wollen wir zum Holua Campground einmal im Krater übernachten.

Daß wir uns allerdings in Turnschuhen auf den Weg machen, sollte sich bald als ein verhängnisvoller Fehler herausstellen.

Vom Kraterrand geht es auf teilweise serpentinenartig angelegten Wegen steil hinunter. Farblich hebt sich der Pfad von der Umgegend ab, aber das Material ist das gleiche: feine Lava, die kaum einen Halt gibt. Oft sinken wir bis über die Knöchel in den losen Untergrund, und die winzigen, scharfkantigen Lavabröckchen rieseln in die Schuhe. Jeder weitere Schritt ist schmerzhaft. Immer wieder müssen wir anhalten und die Schuhe ausleeren.

Die Kraterlandschaft ist ein faszinierendes Farbenschauspiel. Rechts erstrecken sich pechschwarze Lavafelder, links türmen sich rostrote Felsen auf. Dazwischen Lava in den feinsten Schattierungen von Gelb über Ocker bis zu einem dunklen Braun.

Einsam steht hier und da ein hellgrünes Pflänzchen inmitten der schwarzen Lava, mitunter setzt auch eine gelbe Blüte einen Farbklecks.

Nur selten stoßen wir auf eine botanische Rarität, die schon alleine den Abstieg in den Krater wert ist: das Silberschwert. Es wächst nur auf Hawaii in einer Höhe über 2500 Meter, und man kann es nur am Haleakala sehen. Seine dolchförmigen, fleischigen Blätter mit den silbrig glänzenden Haaren bilden im Sonnenlicht einen hübschen Kontrast zu der pechschwarzen Lava. Im Alter zwischen vier und zwanzig Jahren blüht diese Pflanze ähnlich einer Agave für eine Woche. Dann stirbt sie ab und verdorrt. Der Anblick dieser Pflanzen bietet immer wieder einen willkommenen Grund fiir eine kurze Pause. Der Marsch auf dem losen Untergrund ist beschwerlich, die dünne Luft tut ein übriges. Der Kraterboden liegt immerhin noch 2042 Meter über dem Meeresspiegel.

Kurz vor dem Campground wird der Weg dann plötzlich sehr schmal und von einem dichten Pflanzengürtel gesäumt. Die Erklärung für diese üppige Vegetation läßt nicht lange auf sich warten: Nach wenigen Metern haben uns die Wolken verschluckt. Wir fühlen uns wie im Nieselregen und packen die Anoraks aus, aber es hilft nichts. Kurze Zeit später sind wir völlig durchnäßt.

Den Plan, mitten im Krater zu übernachten, geben wir dann schnell auf. Die Wolken fangen sich im Krater, und es bleibt feucht. Völlig ungeschützt in dieser Wolkenlandschaft liegt der Campingplatz auf einem Hügel. In der benachbarten Hütte ist für uns kein Platz. Wir machen uns auf den Rückweg. Ein schmaler Pfad windet sich an der Kraterwand empor. Der Untergrund ist jetzt zwar fest, dafür ist der Abgrund bald schwindelerregend und der Anstieg so steil, daß uns fast die Luft wegbleibt. Noch immer laufen wir im dichten Nebel, ahnen mitunter nur den Weg und verlieren völlig den Kontakt zur Umwelt.

Nach 19 Kilometern stehen wir triefend vor Nässe wieder an der Kraterstraße, den Daumen im Wind. Unser Auto haben wir oben auf dem Gipfel des Kraterrandes zurückgelassen. Nach einer halben Stunde haben wir Glück: Ein kleiner Bus bringt uns die letzten paar Kilometer hinauf. Trampen ist in den USA zwar verboten, aber am Haleakala nimmt es die Polizei nicht so genau. Schließlich gibt es keinen anderen Weg nach oben, außer eben zu Fuß. Und außerdem will die Polizei den Touristen dieses einmalige Erlebnis, durch den größten ruhenden Krater der Erde zu wandern, nicht durch einen Strafzettel verderben.

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