Der Yukon – Floßfahrt auf dem Goldfluß

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Der Yukon: ein Fluß, der kurz vor der Jahrhundertwende Glück oder Niederlage für Goldsucher aller Herren Länder bedeutete — für drei junge Deutsche war er Ziel, um einen ungewöhnlichen Abenteuerurlaub zu verbringen. Auf einem zerbrechlichen Floß versuchten sie, 350 Kilometer den Spuren des Goldrausches auf dem eisigen Fluß zu folgen. Immer auf der Flucht vor dem herannahenden Winter.

Ausgangspunkt für die Floßfahrt ist Whitehorse — eine Brücke Ober den Yukon, ein kleiner Ort und eine Tankstelle. Walur Glomp, Swala Winter und Bernd Kuhlein, Studenten in Geologie, Jura und Medizin, stehen etwas hilflos am Ufer des geschichts­trächtigen Flusses. Noch haben sie kei­nen fahrbaren Untersatz. Der muß erst mit eigener Hände Arbeit gebaut wer­den. Etwas fröstelnd haben die drei den Bus verlassen. Es ist zwar erst Mitte Sep­tember, aber die Vorboten des eisigen kanadischen Winters sind nicht mehr zu übersehen. In wenigen Tagen werden die Blätter der Laubbäume in allen Farben leuchten, und die Kälte der Nächte wird auch im Schlafsack nicht mehr zu verdrängen sein.

Das Abenteuer Floßfahrt beginnt erst einmal mit einem Unfall. Zum Bau des Floßes müssen abgestorbene Baumstäm­me gefällt werden. Die drei jungen Deut­schen sind nicht die ersten, die eine sol­che Fahrt auf dem Goldgräberfluß vor­haben. Tote Baumstämme müssen müh­sam aus einiger Entfernung zusammen­gesammelt werden. Auch zu dritt wird das logischerweise zur Schinderei.

Als dann endlich der Zusammenbau beginnt, erwischt es Walter Glomp. Er rutscht mit der Säge ab und schneidet sich in den Arm. Per Anhalter macht er sich auf den Weg, den nächsten Arzt in 300 Kilometer Entfernung aufzusuchen. Nach zwei Tagen ist er wieder da. Nicht nur ärztlich gut versorgt, sondern auch gestärkt mit einigen saftigen Steaks, auf die die beiden anderen Baumeister ha­ben verzichten müssen.

Nach einigen Tagen ist das Werk vollen­det. Immerhin hatte man sich in den letzten drei Monaten vor der Reise ja auch mit Bautechnik vorbereitet. 80 Kilo Proviant sind säuberlich vertäut, und das Gefährt mit einer Fläche von drei mal sieben Metern wartet auf das Kom­mando „Leinen los“. Eine Feuerstelle und zwei Bänke sowie eine Dachkon­struktion, zusammengehalten durch lan­ge Zimmermannsnägel, sorgen sogar für einigen Komfort auf der Fahrt.

Als wolle das Wetter die drei Abenteurer noch einmal zur Eile mahnen, geht der Nieselregen in der Nacht vor der Ab­fahrt in Schnee über. Eine vergängliche weiße Decke hüllt die Landschaft ein, als sie sich morgens aus dem Schlafsack rollen.

Nur Übung macht den Meister

Es dauert einige Zeit, bis man sich an die beiden Ruder auf den Schmalseiten und die Trägheit des Fahrzeuges gewöhnt hat. Der Fluß fließt recht schnell, wenn auch seine Schnellen keinen besonderen Schwierigkeitsgrad aufweisen. Je siche­rer das Trio an den Rudern wird, desto mehr Zeit bleibt für Blicke auf das vorbeiziehende Ufer. Nadelwald, unter­brochen von Birkengehölz, dazwischen verwitterte Riesen, die auch schon im letzten Jahrhundert ihre Äste zu den abenteuerlichen Gefährten der Goldsucher über das Flußufer gestreckt hatten. Unter den Füßen nur das leise Knarren der ausgedörrten Stämme, die sich lang­sam vollsaugen, und der Schlag der unregelmäßigen Wellen. Hie und da — keineswegs so selten, wie man von Naturschützern hört — hebt sich vor dem Floß ein Weißkopfadler in die Lüfte, um majestätisch in respektvollem Abstand seine Kreise zu ziehen.

Nie darf man sich diesem Naturgenuß ganz hingeben, immer wieder ermahnt leises Knirschen unter dem Floß, auf Untiefen und Sandbänke zu achten.

Der Blick in die Karte läßt die Besatzung des Floßes noch vorsichtiger wer­den. Bald müssen die gefürchteten „Roaring Bull Rapids“ erreicht sein. Stromschnellen, die schon manchem Flußfahrer zum Verhängnis geworden sind. Wider Erwarten kommt die Baum­stammkonstruktion ohne Probleme durch die unruhige Strecke. Die Floßrei­senden atmen auf — und sitzen fest! Kurz hinter den Schnellen haben sie eine Untiefe übersehen. Der Aufprall auf die Sandbank ist so heftig, daß eine Stütze der Dachkonstruktion bricht und eine Sitzbank und die Vorräte herunterreißt. Nur schnelles Zupacken rettet das le­benswichtige Mehl.

Zweieinhalb Stunden zähe Kraftarbeit im unter 10 Grad kalten Wasser sind nötig, um das Floß wieder freizubekom­men. Ermattet sinken die Floßfahrer an diesem Abend in die Schlafsäcke. In der Weite heulende Wölfe beruhigen genausowenig wie die Spuren von Braunbä­ren, Elchen und Wölfen, die man am Morgen im Reif des Ufergrases vorfindet. Auch die ersten Minuten, nachdem man die halbgefrorenen Kleidungsstückke übergezogen und die klammen Stiefel an den Füßen hat, lassen nicht gleich Hochstimmung aufkommen. Erst beim Frühstück an der Feuerstelle erwacht wieder der Geist der Abenteurer in der Gruppe. Meist gibt es Reis, Fisch, den man sich selbst aus dem Fluß fängt, und Bannocks, eine Art Fladenbrot, das in der Goldgräberpfanne gebraten wird.

Der warme  Ofen lockt!

Tage vergehen, das Ziel, eine Straßen­brücke bei Carmacks, kommt näher. Immer wieder verführen alte Goldgrä­bersiedlungen zu Halts. Einfache, aus Holzstämmen zusammengefügte Hütten sind eine willkommene Abwechslung. Nicht alle sind nämlich in desolatem Zu­stand. Jäger und Touristen halten einige in recht passablem Zustand. Immerhin kann ein solcher Unterschlupf in der Weite des Landes lebensrettend sein. Meist gibt es einen funktionierenden Ofen in diesen Hütten, deren Funda­mente — ja sehr oft die ganze Konstruk­tion — noch aus der Zeit des Goldrau­sches stammen. Kleider trocknen und gemütliche Abende locken. Außerdem räumt der drohende Winter noch eine Schonfrist ein.

Nach zwölf Tagen auf dem Fluß taucht am Ufer wieder so eine verlassene Sied­lung auf. Eine intakte Hütte wird für eine Woche zur Heimat für die Abenteu­rer. Streifzüge durch die Umgebung, Fotografieren und Fischen sind in die­sen Tagen die Hauptbeschäftigung, nachdem die Goldwaschversuche nach einiger Zeit wegen mangelnden Erfolges eingestellt werden. Sogar Besuch stellt sich in dieser Woche ein: Zwei Elchjäger kommen mit ihrem Motorboot vorbei, erblicken das angeleinte Floß und mei­nen verwundert: „Wir haben schon viel auf dem Yukon gesehen, aber Euer Floß verdient den ersten Preis!“ Ein kurzer Plausch, dann ziehen die Jäger ihres Weges.

In wenigen Tagen hat der Herbst die Landschaft in mannigfaltige Farben ge­taucht. Die morgendliche Kälte dauert länger — manchmal drohen mächtige Wolken mit Schneefällen. Es wird Zeit, das Floß wieder loszubinden und die beiden letzten Tagesetappen bis zur Brücke bei Carmacks anzugehen. Pro­blemlos geht die Fahrt über die Bühne, der Abschied rückt näher. Bei der Indi­anersiedlung findet das Floß seinen letz­ten Ankerplatz. Die Treibeisschollen des nächsten Frühjahrs wird es mit Sicher­heit nicht überstehen — für die 350 Kilo­meter lange Fahrt auf dem Yukon hat es sich allerdings als stabil genug erwiesen. Beim Einsteigen in den Omnibus, der eine seiner letzten Fahrten vor dem Winterbeginn macht, geht der Blick noch einmal zurück auf die alten Stäm­me, die für Tage den drei Abenteurern zum Heim geworden sind.

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